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Ein zweites Mal Theorie. Aber wichtig! Warum Spazieren und Wandern Lebenskultur vermittelt. Und zur ‚Poesie des Wanderns‘ führt.

Bitte konzentrieren! In summa geht es darum, Emotionen des Miteinanders und des eigenen Tuns, des Vorankommens, und ihre eigene  Unterscheidbarkeit zu empfinden. Am Ende entsteht eine als angenehm empfundene biographische Selbstkultur – ein Teilbereich vom Glück…

 

Jede körperliche Aktivität im Freien, in Natur- und grünem Stadtraum, und ob es spazieren, wandern, walken, laufen oder einfach gehen genannt wird, führt zur Steigerung der körperlichen, seelischen und emotionalen Fitness und Verarbeitungskraft. Ob man einfach mal losgehen sollte, oder letztlich eine Schule des Staunens für Erwachsene1 in der Natur schafft – man richtet sich in den ‚Räumen‘ der Natur ein, sobald man sie betritt.2 Diese gedankliche Ausrichtung findet vielfach Überschneidung mit Intentionen einzelner Forschungsrichtungen, Wandervereinen, Bewegungsformen, vielen diversen Gruppierungen und Individuen.

Über die körperliche Aktivität im Naturraum kann man vielfältige menschliche Bedürfnisse erkennen und befriedigen. Gehen bzw. Wandern dient so unter anderem dem Nachkommen der Bewegungsfreude, dem Sehen verschiedener Umweltausschnitte, dem Gespräch mit den Mitwanderern – und in all diesen Formen der Folge, Emotionen des Miteinanders, des gemeinsamen und alleinigen Schaffens zu empfinden, letztlich des Empfindens von Freude und Glück.

Wandern hilft ebenso dem Ausloten der eigenen Befindlichkeit, dem Finden von Sinn und Ziel sowie den eigenen Einflussmöglichkeiten in verschiedenen Lebenssituationen. Viele Bewusstseinszustände im menschlichem Lebens lassen sich mit emotionalen Befindlichkeiten beim Wandern assoziieren, und benötigen zum Gewahrwerden und in ihrer Verarbeitung eine Zeitspanne ähnlich der des Draußenseins. Viele kennen das Glück einer Aussicht und das eines schönen Wetters, oder die Tristheit mehrerer Regentage und die Enge endlosen Waldes. Weniger offenbar ist der Umstand des steten Vorankommens und des mitunter sehr langsamen, aber unaufhaltsamen Veränderns der Umgebung – ähnlich dem allgemeinen Lebensverlauf, täglich und in größeren Zeitabschnitten. Ebenso weniger bekannt ist, dass wir unsere Umgebung und die betrachteten Umweltausschnitte mit bereits erfahrenen Bildern und Gefühlen abgleichen und damit Landschaft und Umwelt erfinden und reproduzieren. Das Wissen um die ständige Re-Konstruktion der eigenen Persönlichkeit und Umwelt ist zwar zunehmend bekannt, wird aber alltagspraktisch selten angewandt. Wandern ermöglicht so auch ein Kennenlernen der Grenzen des menschlichen Lebens, seiner zeitlichen Begrenzung, der plötzlichen Abbrüche; hilft beim unbewussten Prozess der Biographisierung unseres Lebenslaufes. Es kann auf die Wechselseitigkeit, die Polarität im menschlichen Erkennen und Empfinden, verweisen. Es stärkt die Verlässlichkeit auf das eigene Tun und hilft, den Zufall der Welt anzuerkennen, stärkt Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, unser Selbstkonzept. Es schafft und stärkt unser Vertrauen.

Die Gründe dieses Wohlgefühls beim Aufenthalt in natürlich empfundenen Lebensräumen werden seit den 80er Jahren erforscht. Gegensätzlich zu unserer einseitigen Lebenswelt in künstlichen Biotopen und ständiger willkürlicher Aufmerksamkeit verschafft uns die natürliche Umgebung eine absichtslose und unwillkürliche Aufmerksamkeit.3 Wir als – im Durchschnitt – städtische Mitteleuropäer, unabhängig von Wärme, Strom, Nahrung usw., neigen mittlerweile dazu, eine ‚Natur‘ quasireligiös zu betrachten. Wir profitieren mittlerweile von jedem noch so kleinem Kontakt und jeder Bewegungsform. Und bezeichnen die Natur als „’Psychotop’“4, weil man sich über sie wieder kennen lernt.

Diesen Prozess verschiedenartiger Stärkungen von emotionalem und körperlichem Potential bezeichne ich als die ‚Poesie des Wanderns‚, weil erlebte und damit zeitlich abgeschlossene körperliche Zustände zur Form von Erzählungen generieren. Ob Fotographien oder Tagebucheinträge, Sinnsprüche oder Mitbringsel: alle Gegenstände unser Umwelt, und besonders persönlich nahestehende, besitzen eine Erzählung ihres Daseins. Jeder Grund, jede Welterklärung, jede Verbindung von Menschen und Gegenständen ist in Erzählform gegossen. Womit eine weitere Forschungsrichtung hinzugezogen ist, die kulturwissenschaftliche Erzählforschung, und sich ‚Wandern und Kulturwissenschaft‘ verbindet.

 

 

1 Hinsichtlich des Wiederauflebens des Anteils der Natur beim Menschen: „In die Schule des Staunen müssen vor allem die Erwachsenen gehen. Sie müssen wirklich etwas mehr werden wie die Kinder. Unter dem geht es nicht.“ Kahl, Reinhard: Von Kinderlust. Richard Louvs ‚Das letzte Kind im Walde?‘ führt uns zu den Ursprüngen von Naturerfahrung. In: ZEIT. Nr. 49. 1.12.2011. S. 55.

2 Bsp. Wolfgang Büscher: „Nur von drinnen betrachtet ist das Draußen uferlos, wild gefährlich. Wir bestaunen es, oder wir fürchten es. Drinnen kann man sich solche Betrachtungen leisten, es tut ja nicht weh. Gehen wir aber hin und sind für eine Weile wirklich dort draußen, passiert etwas Seltsames: Wir richten uns darin ein. Wir können gar nicht anders, wir können nicht den lieben langen Tag Philosophen sein. Wir können die Welt nur Raum für Raum erobern, durchleben, was auch immer. Unsere sinnliche Konstitution ist nun mal so. […] Wir ertragen das große Ganze nur in seltenen großen Momenten. Wie sind so gemacht, dass wir es in Räume zerlegen, uns Räume schaffen, in Räumen leben, in Räumen denken. Selbst der Nomade tut es, er lebt in Zyklen, sie sind seine Häuser, er schreitet oder reitet immer dieselben Wege ab.“ Büscher, Wolfgang: Eine Heimat im Freien. In: WEIT Magazin. Nr. 15. S. 43.

3 Blöbaum, Dr. Anke: Landschaft und menschliches Wohlbefinden – ein umweltpsychologischer Blick auf die Wahrnehmung und Wirkung von Landschaften. S. 22-26. Hier S. 24. In: Landschaft und Gesundheit : eine Veranstaltung des Landschaftsverbandes Rheinland, LVR-Fachbereich Umwelt, in Zusammenarbeit mit der Thomas-Morus-Akademie Bensberg und dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, zugleich: 19. Fachtagung des LVR-Fachbereichs Umwelt, 13. bis 14. November in Bensberg. Tagungsdokumentation. Pflaum, Martin. Köln : Selbstverl. des Landschaftsverbandes Rheinland, 2010. Das Konzept der unwillkürlichen Aufmerksamkeit entstammt: O. Neumann, F.A. Sanders (Hrsg.): Aufmerksamkeit, Enzyklopädie der Psychologie. Kognition Bd. 2. Göttingen 1996. Darin: Eimer Nattkemper Schröder Prinz: Unwillkürliche Aufmerksamkeit.

4 „Schramm 2001“, zitiert nach Brämer, Rainer: Varianten der Naturentfremdung. Fassung 9/2003. S. 10. Ders.: Natur tut uns gut. Warum wir uns beim Wandern so wohlfühlen. 1/2003. S. 13. Ders.: Grün tut uns gut. Daten und Fakten zur Renaturierung des Hightech-Menschen. S. 83.