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Gespräch in Bewegung


Ein ‚Gespräch in Bewegung‘ – Was ist das?

Der Flüchtlingsfreundeskreis Jena wird spätestens ab dem Frühjahr raus in die Natur gehen, mit Einheimischen und Geflüchteten, fremdsprachigen Fach- und Führungskräften und allen Menschen, die mitkommen wollen. Was passiert da? Gehen, reden, essen, trinken, reden, schauen, schweigen, nachdenken, und wieder reden. Bewegen und Ausschau und inne halten, alles zusammen. Und wir werden immer mal mit dabei sein. In den Freundeskreisen der einzelnen Stadtteile Jenas haben bisher verschiedene kleine Ausflüge und Wanderungen stattgefunden, so von den Gemeinschaftsunterkünften Schulstrasse (Jena-Ost), Philosophenweg, und der Notunterkunft Göschwitz aus.


1. Einleitung   //  2. Menschliche Landschaft im Innen und Außen   //   3. Der Mensch in der Natur  //  4. Natürlichkeit und Multiperspektivität  //  5. Gehen als Alltagsbruch  //  6. absichtslose Aufmerksamkeit  //  7. Gesamtheit Landschaft  //  8. Unaufhaltsamkeit des Voranschreiten  //  9. Ein Gespräch in Bewegung  //  10. Aufbau und Durchführung


1. Einleitung

Dass Themen der Integration von Flüchtlingen und Veränderungen der Gesellschaft immer wieder und überall verschiedentlich besprochen werden, ist bekannt. Einige interessierte Menschen aus dem engeren und weiteren Umfeld der mit Geflüchteten zusammenarbeitenden Jenaer Institutionen und Vereine möchten dies auf eine weitere Art angehen. Auf Spaziergängen und im gemeinsamen Draußensein wollen wir in ein Gespräch in Bewegung kommen – um die vielen Themen und Lebensinhalte, die die bestehenden und neuen Bürger Jenas bewegen, kennen zu lernen und zu diskutieren.

Lebenswege von Individuen und Gesellschaften unterliegen einem ständigen Wandel. In einem Miteinander und einer Abwechslung aus Selbstbestimmung und Anpassung, in der Begegnung mit neuartig Unbekanntem und belegbarer Erfahrung, aus Neugestaltung und gleichzeitiger Bewahrung ist unsere Weltsicht entstanden und wird sich stetig – gewollt und unbewusst – fortentwickeln.

Im einfachen Draußensein in Natur und Kulturlandschaft, mit Picknick, lockerer Unterhaltung und teilweiser Moderation, werden sich Einwohner und Hinzugezogene, Verwurzelte und Geflüchtete, kurz: Menschen allen Alters und Berufes, aller Herkunft und aller Hintergründe kennen lernen.

 

2. Menschliche Landschaft im Innen und Außen

Warum sollen Männer und Frauen, Kinder und Jugenliche, Junge und Alte, Einheimische und Flüchtlinge, Studenten und Angestellte, Arbeitslose und Gutverdienende – und alle weiteren miteinander in die Natur gehen?

Menschen treffen während eines mehrstündigen Aufenthaltes im Naturraum auf eine andere Art zusammen als in Räumen der Alltags- und Medienwelt. Eine Assoziation verhilft zum Verständnis: Menschen kommen und bestehen aus Landschaften.

‚Hast du je Landschaftsbilder von Isaak gesehen? Wenn du seine Landschaften siehst, kommt’s dir vor, als ob du vor langen Zeiten dort und durch den Birkenwald in einen blauen Frühling hineingegangen wärest; in der Kindheit vielleicht oder in einem früheren Leben. Weißt du, daß Isaak nie einen Menschen malte? Manche nennen ihn deshalb menschenfeindlich. Falsch, ganz falsch, er malte ja Landschaften; die Menschen bestehen und kommen aus Landschaften.’“ (Strittmatter, Erwin: Der Wundertäter. Zweiter Band. 4. Aufl. Berlin/Weimar: Aufbau, 1976. S. 253.)

Denken wir es weiter: So, wie Landschaft erst aus unserer kulturell geprägten Wahrnehmung von Natur entsteht, entstehen Menschen aus ihrer Biographie, ihren Erfahrungen, Weltsichten und Absichten, ihrer Herkunft. Dies kann man im gehen und sprechen, nachdenken und essen im Naturraum auf besondere Weise erschließen. Wir werden gehen, Menschen allen Alters, aller Berufe, aller Interessen, aller Geburtsorte und Sprachen, aller Ansichten und Einstellungen. Wir werden es manchmal ‚Wandern‘ nennen und manchmal ’spazieren‘, und wir werden manchmal dabei Fussball spielen, ein andermal nur Geschichten erzählen, und essen und trinken. Je nach Tagesstimmung, Gruppendynamik, Wetter und Ort wird man sich gegenseitig aus dem Leben oder Alltag berichten, wenn es gehört und erzählt werden will, oder man kommuniziert im Spiel, im gemeinsamen Entdecken, Staunen, oder Innehalten und Schweigen.

Wir tauchen in die Landschaft unserer Stadt und Umgebung ein, als Eingesessene begierig auf das Ausklinken aus dem Alltag, als Hinzugekommene neugierig auf die hießige Lebenswelt, und alle insgesamt darauf, den und die anderen kennenzulernen.

In der realen und kulturellen Landschaft der Natur werden erzählen wir so von den Landschaften in uns. Aber warum ist das so, was geschieht da?

3. Der Mensch in der Natur

Bekannt ist, und seit den 80er Jahren des 20. Jh. zunehmend erforscht, dass Bewegung in der Natur gesundheitsfördernd ist und die körperliche und seelische Fitness kräftigt. Die positiven Effekte der Natur lassen sich mit dem Vergleich von Herzaktivität, Muskelspannung oder Hautleitfähigkeit belegen, auch existieren Studien über kürzere Regenerationszeiten und geringeren Medikamentenverbrauch nach körperlicher Krankheit oder Verletzung – schon beim Sehen von Naturbildern. Sich im Naturraum bewegende Menschen verfügen i. d. R. über ein positiveres psychisches Grundgefühl, bessere Selbstkonzepte und empfundene Selbstwirksamkeiten.

Quellen (Auswahl):

  • Bundesgesundheitsblatt 1/2012.
  • Landschaft und Gesundheit: eine Veranstaltung des Landschaftsverbandes Rheinland, LVR-Fachbereich Umwelt, in Zusammenarbeit mit der Thomas-Morus-Akademie Bensberg und dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, zugleich: 19. Fachtagung des LVR-Fachbereichs Umwelt, 13. bis 14. November in Bensberg. Tagungsdokumentation. Pflaum, Martin. Köln : Selbstverl. des Landschaftsverbandes Rheinland, 2010.
  • Abraham, Andrea; Sommerhalder, Kathrin; Bolliger-Salzmann, Heinz; Abel, Thomas: Landschaft und Gesundheit. Das Potential einer Verbindung zweier Konzepte. Bern: Inst. f. Sozial- und Präventivmedizin, Abt. Gesundheitsforschung, 2007.
  • Veröffentlichungen von Rainer Brämer.

4. Natürlichkeit und Multiperspektivität

Weil ein Naturraum nicht auf Alltagshandeln angelegt, eben kein geplanter und erschaffener Raum ist, sind seine Hauptmerkmale unnachahmliche Vielfältigkeit, Unfokusiertheit und Unwill-kürlichkeit. Farben, Gerüche, Anordnungen, Formen sind um ein Vielfaches höher als die einer künstlich geschaffenen Umgebung unserer alltäglichen Arbeits- und Wohnplätze. Die hundert-tausenden Äste, Blätter, Büsche und Bäume, Schattierungen, Farben, die in den ersichtlichen ersten bis hundert Metern um uns herum stehen, dazu geologische Ausformungen im Umkreis mehrerer Kilometer, bilden einen größeren Raum mit einer unfassbaren Auswahl an fokussierbaren Eindrücken und Perspektiven. Das ästhetische Empfinden wählt frei aus Tausenden Angeboten, je nach Laune und biographischer Verfassung.

5. Gehen als Alltagsbruch

Dazu kommt eine quasi artgerechte Beanspruchung des Körpers und Geistes, einschließlich der natürlichsten Fortbewegungsform, dem Gehen. Das Gehen als solches und an sich ist zum einen derartig alltäglich, dass es nicht beachtet wird, und andererseits fast verschwunden. Ungefähr 20-25 % der Kosten aller Krankheiten können auf mangelnde Bewegung zurückgeführt werden. Weil es nicht alltäglich ist, kann der Mensch beim Gehen im Naturraum in einen Zustand der Liminalität versetzt werden: also in einen Schwellenzustand oder Zwischenraum geraten. Zudem ist es kulturgeschichtlich mit Gefühlen des ‘Aufbruchs’ und ‘Unterwegssein’ konnotiert.

6. absichtslose Aufmerksamkeit

Außerhalb seines Alltags und umgeben von einer unwillkürlich geschaffenen Auswahl erlebt der Mensch eine absichtslose Aufmerksamkeit und findet mentale Erholung. Mit anderen Worten: Gesund macht, was die Freiheit der ästhetischen Wahl lässt. Gleichzeitig, sein kulturelles Gedächtnis mitbringend, bringt er bewusst und unbewusst die einzelnen Elemente der Umgebung in eine alles einschließende Beziehung. Eine Landschaft entsteht.

7. Gesamtheit Landschaft

Wenn wir solch eine im Blick haben und als schön empfinden, dann vereinigt sie immer mehrere, teils gegensätzliche Prinzipien. Sie ist geordnet und damit einsehbar, somit lesbar und vorhersagbar. Gleichzeitig beinhaltet sie genügend uneinsichtige Bereiche und verdeckte Elemente, die sie insgesamt komplex und einfach, überschaubar und geheimnishaft wirken lassen. Ähnliches widerfährt dem seelischen Haushalt: Widersprüchliches, Lebensabfolgen, Gefühlslagen und Selbsterklärungen werden dauerhaft vereinbarer und annehmbarer.

8. Unaufhaltsamkeit des Voranschreitens

Schließlich führen die genannten Faktoren mit der Unaufhaltsamkeit im Gehen, dazu die jeweiligen Erfahrungen der eigenen Biographie, und die allseits unterschätzte Macht der menschlichen Phantasie dahin, dass man sich selbst ständig assoziativ im Raum und auf dem Weg verortet. Unangestrengt kann man die Welt und ihre Begebenheiten durchdenken, sie verstehen und sich positionieren, sich verstehen, und äußert dies im Gespräch über die kulturwissenschaftlich bezeichneten Formen des alltäglichen und biographischen Erzählens. Die Natur um uns ist ein Psychotop, nutzen wir es!

9. Ein Gespräch in Bewegung

Ein Gespräch in Bewegung und im Naturraum unterscheidet sich zu der sitzenden oder stehenden Gesprächsführung in geschlossenen künstlichen Räumen. Beim ersteren führen die unwillkürlich und als ästhetisch wahrgenommenen Ablenkungen des Naturraumes zu anderen Gesprächsverläufen, einer veränderten Neuaufnahme von Perspektiven, einem ausgedehnteren, entzerrteren und ausgeglicheneren Durchdenken der gehörten Gesprächsinhalte und der artgerechten Beanspruchung der Physis und Psyche.

Jedes Gespräch im Naturraum wird andauernd durch emotional angenehm empfundene äußere Umstände unterbrochen und aufgelockert. Pro Minute nimmt jeder Teilnehmer Dutzende, manchmal nur augenblickshafte, angenehm wirkende Naturphänomene wahr, und dieses positive emotionale Stadium der Teilnehmer wird durchgehend auf einem höheren Level gehalten. Das Wechselspiel aus Ablenkung und Heranführung an das Gesprächsthema und die anderen Personen, die willkürlichen und unwillkürlichen kommuniktiven Pausen führen zu erhöhtem Assoziationsvermögen und Verarbeitungszeiträumen. Durch die zeitliche Streckung der Fokussierung auf die Gesprächsinhalte wird die Kommunikation gewaltärmer und entspannt. Verstärkt wird dies zusätzlich durch die Gehbewegung. Pausen im Gesprächsfaden und physische Abstände in der Körperhaltung zwischen Redenden entstehen zufällig und können nach Belieben angepasst werden. Wie oben erwähnt sind die physischen und psychischen Prozesse des im Naturraum Gehenden positiv aufeinander abgestimmt, Kreislauf und körpereigene Systeme arbeiten in passenden artgerechten Rhythmen. Die mittels projektiver Identifizierung aufgebauten Spiegelungen des Gefühls in der Außenwelt erfahren durch die unwillkürliche Entspannung in Fokus und Kraftaufwand eine angenehm empfundene Dämpfung und forcieren den Effekt des oft so genannten Fundes eines inneren Friedens.

Es entsteht eine höhere Empathiefähigkeit: durch den Wechsel von Enge und Ausblick, Licht und Schatten, Erschöpfung und Erholung. Eigene emotionale Anspannungen durch biographische Erlebnisse und Gesprächsinhalte werden durch die erwähnte Entzerrung der Fokussierung, das ästhetische Gefühl, die Dämpfung emotionaler Spitzen und die körperliche Bewegung besser ausgehalten, aufgefangen und abgebaut.

So wird deutlich, dass der Mensch über Metaphern des Bewegens deshalb so gut beschrieben werden, weil er ein Bewegter ist, ein ‘homo viator’: ein ständig bewegter, fast ständig unterwegs Seiender, ein Eigen- und Fremdbewegter, ein Zielgebundener.

10. Aufbau und Durchführung

An vorerst vier Terminen an Wochenenden ab Frühsommer 2016 werden Aufenthalte im Naturraum geplant. Empfohlen ist ein Mindestaufenthalt von zwei Stunden gehen und Picknick von mindestens einer dreiviertel Stunde.

Der Weg ist grob vorgegeben und variiert je nach Gruppenvermögen und Wetter. Empfehlenswert ist es, einen für alle unbekannten Teil an Wegstrecke einzubauen. Der Ort des Picknicks wird spontan und durch die Gruppe während des Gehens ausgewählt. Grundsätzlich ist zu sagen, dass es für jeden Menschen Vorteile bringt, sich in dieser beschriebenen Art im Naturraum aufzuhalten.