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Schöne Stadt und Freilichtmuseum. Exkursion nach Zeitz.

Ich hatte meine Persönlichkeit spalten müssen, als wir am zweiten Tag unseres Besuches wieder heimwärts fuhren. „ZEITZ!“ schrie der eine Teil, und: „LASST MICH HIER!“ – während der andere die Karte gelöst hatte und den Öffnungsknopf der Zugtür betätigte. Kaum etwas konnte mich davon abhalten, alles anzusehen. Wahrscheinlich, weil in Zeitz eben nichts verstellt ist. Ob ein einzelnes Haus oder ein Ort, ein Menschenleben oder Beschreibungen, alles ist historisch verortet. Alles entwickelte sich, und wird mit jedem Ansehen neu gedacht und weitererzählt. Das kann man hier lernen.
Einen Tag und eine Beruhigung später schauen wir in Netzvideos nach, was wir alles nicht gesehen haben oder wiedererkannten. Aufnahme für die Nacht unserer Exkursion hatten wir in einer Pension gefunden, deren Essensdünste das Treppenhaus durchfluteten, und kurz nachdenklich stimmten mich abends im Bett die fehlenden Rauchmelder und Fluchthinweise. Das war, nachdem wir zwei Runden, Blumenblättern gleich im Stadtmuster einer Karte, gegangen waren. Seit einem Jahr hatte sich schon einiges verändert. Eine Baulücke im Zentrum war größer geworden, die damaligen leeren Häuser hatten sich zu geschredderten Haufen verändert. Erste Hinterhofblicke bei leer winkenden Häusern bestätigten, dass alles noch vorhanden war. Jeder Alltags- oder Baugegenstand, den man sich nur vorstellen kann, hatte die Bewertung als Abfall getroffen, ob Fahrrad oder Blumenkasten, ob Reifen oder Geschirr. Es türmte sich und wallte alles an den Hauswänden empor, wurde mal spärlich, mal verdeckend auf Flächen von Moosen und Gräsern bewachsen, und kam mit Fußscharren wieder hervor. Sukzessiv wirkende Gelände im Stadtinnern entpuppten sich als stillgelegte und ausgeräumte Fabriken, Kinderstimmen und Budenbau lies selbsternannte Spielplätze erahnen. Dutzenderweise leer stehende Häuser, teils meterhoher Abfall unterhalb der als Speier dienenden Fenster. Baugruben mit Mauerresten als Fabriküberbleibsel. Etliche erneuerte Gehwege und Straßen. Schnell fahrende Autos – wohl 10 % aller Fahrenden drückten nochmal aufs Gaspedel, wenn sie menschliche Blicke als zuschauend annahmen. Völlig fertig und erledigt, unter blauem Himmel mit kalter Luft, futterten wir die mitgebrachten Dinge und erlebten eine Zeitzer Nacht. Tags drauf eine Morgenrunde, intuitiv in andere Bereiche der Stadt gehend, dann ins Museum hinein. In der neuen Inneneinrichtung warteten drei Damen auf Besuch und verteilten sich nach und nach. Im schnelleren Durchlauf sahen wir Hunderte Kinderwagen des Zekiwa-Betriebes und der zeitlich davor gegründeten Firmen. Zeitz als Kinderwagenstadt. Der Name einfach zusammgengesetzt wie so oft: Ze-Ki-Wa – Zeitzer Kinder-Wagen. An einer Stadtkarte mit zuschaltbaren Lichtern wird das Ausmaß der räumlichen Verteilung im Stadtbild deutlich. Im Festsaal unterhalten wir uns eine halbe Stunde mit einer Museumsmitarbeiterin über die Veränderungen in der Stadt, das Glück und die Sorgen im Museumsalltag, und eigentlich und die ganze Zeit über die Historizität jetziger Perspektiven und Zustände.
Der den Festsaal dominierende Blüthner-Flügel, einst für irgendeinen Kaiser wohl gebaut, strotzt vor Gold-, Elfenbein-, und Ersatzintarsien. Bei seiner Fertigstellung habe der ihn nicht mehr haben wollen, führt eine referierende Museumsmitarbeiterin aus, deswegen wurde er anderweitig verkauft. Eine Zeitzerin schließlich kaufte auf einer Auktion den Flügel, es war ein Zufall, und gab ihn dauerhaft dem Museum bzw. Schloss zum Ausstellen. Eine aufwendige Restauration war erfolgt. Mittlerweile spielen Leute aus der ganzen Welt – aus Neuseeland, sonstwoher – auf dem Blüther-Flügel, alle acht Wochen circa. Und ein Mal im Monat wird der gesamte Holzfußboden lackiert, in Handarbeit! „Ein Mal im Monat?!!?“ Kopfnicken. Denn in der Hochsaison kämen bis zu 1500 Leute proTag. Wir schauen uns auch das Deckengemälde an, die dunklen Ölgemälde, die irgendwann in den 60ern restauriert worden seien. Die Europa-Figur sah mumpsbäckig aus, haben sie damals falsch gemacht, erwähnt die Frau. Der Flügel steht in beheizten Räumen, aber es sind nur wenige. Die Stadt selbst ist auf Sparkurs. Mit der Neuwahl des Oberbürgermeister im Frühjahr 2016 wurde gleich angefragt, wie Kosten gesenkt werden könnten. Daraufhin sollte in einem Flügel des Schlosses die Temperatur um ein Grad gesenkt werden. In anderen Räumen wurden die Heizungen kurzerhand ausgebaut.
Immer so ein halbes Jahrhundert, oder so ähnlich merkte ich es mir, war das Schloss ein Wohnort für Umsiedler, ein Erziehungsheim für junge Frauen, Gefängnis, usf. Ein Blick in das Internet verrät auf vielen Seiten, dass noch mehr dort war, die Umsiedler auch nur zwei/drei Jahre. Nur den ortsansässigen Vereinen, die im Laufe der Jahre viel Mobilliar und zig Gegenstände gesammelt hatte, ist es zu verdanken, dass mit dem Begründen des Museums auch ein Interieur zusammenkam. Welche Stücke am wertvollsten sind, wird aber nicht verraten.
Unsere Hände streichen über den großen Flügel im Saal, und wir dürfen auch ins Innere schauen. Dann streifen wir die Dutzende Gemälde und die folgenden Zimmer des Schlosses. Ein wenig fertig nun, und vom Wind und Regen dieses zweiten Tages umgeben, führt und uns eine vierte und abschließende Runde in den Stadtteil nördlich des Bahnhofes.

In Zeitz ist noch nichts verstellt wie in anderen Städten. Man kann sich nicht hinter der Ordnung verstecken. Dies führt in meinem Befinden dazu, freundlicher und entgegenkommender zu werden. Es gibt diesem Ort eine ausreichende Authentizität, er wirkt ehrlich. Alles zeigt einem den Verlauf aller Dinge deutlich vor Augen. Ja, auch das ist es. Und daher ist Zeitz nicht nur eine schöne Stadt, es ist auch ein Freilichtmuseum und ein Spiegel der Menschheit und des Könnens der eigenen Seele.

 

 

Bilder: Lars Polten