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Stadtwandeln in Thüringen.

Es ist bei einigen ein Geheimtipp, für viele langweilig, wenn sie es hören, und bei anderen Normalität geworden: Wanderungen und Spaziergänge in der Stadt, im urbanen Raum. Wir fühlen uns, kann man sagen, libidinös betroffen. Ehrlich. Wir mussten auf dem Bahnsteig Platz nehmen und dinieren.

Und dort klärten wir dann folgende Fragen: Spaziergänge und Müßiggang in der Stadt. – Wie geht das? Und: Was bringt es? Kann man sich denn da erholen? Aber ja! Was im Folgenden theorielastig klingt, ist im Gehen schmackhafte Unterhaltung. So ein bisschen sind wir wieder Spaziergangsforscher geworden, finden wir.

 

 

Der urbane Raum stellt sich uns Menschen als eine Vielzahl an Umweltausschnitten dar, die alle mit menschlicher Besiedlung und deren vielgestaltigen Ausdrucksformen erfüllt sind. Es gibt wenig Natur, und viele als „Natur im Stadtraum“ bezeichnete Anordnungen von Bäumen, Büschen, Gras und Beetformen erfüllen nur bedingt das der Natur innewohnende Potential, dem Menschen mentale Erholung und Regeneration zu bringen.

Beim Wandern und Spazieren in der Stadt kann man dennoch eine Qualität der Erholung finden, eine etwas abgewandelte als im Wald oder vermeintlicher Wildnis. Wenn sie solch Erholung beim Stadtspaziergang bisher nicht gefunden haben, ist die erste Regel: Machen Sie alles anders als wie es sonst tun. Zumeist erzählen Menschen, die keine Erholung finden, dass sie alles kennen und alles probiert haben. Sie haben Parkanlagen aufgesucht, sind zum vermeintlich erholenden und chillenden Besuch in ein Restaurant oder ein Eiscafé gegangen, sind langsamer als in ihrem beruflichen Alltag die öffentlich als ‚Wege im Grünen‘ bekannten Wege gegangen, auch mal stehen geblieben, usw. Und haben meist die gleichen Zeiträume, etwas zu betrachten und zu bereden, benutzt wie im Alltag. So funktioniert es häufig nicht.

Wie kann man es ändern? Erstens: man bereitet sich Essen und Trinken selbst zu. Da es selbst dabei hohe Unterschiede in Verständnis der Tätigkeit ‚Zubereiten‘ gibt, wurde eine extra Frage bzw. ein eigener Blogeintrag dazu formuliert. Der Großteil des am Tag verzehrten Essens und Trinkens besteht so aus dem Mitgenommenen, ein kleiner Teil aus vor Ort gekauften Snacks oder Getränken. Es ist so einfach und kompliziert, wie es ist: stellen Sie sich zu Hause hin und schmieren sich Brote mit drei verschiedenen Auflagen; oder kochen Sie Klöße mit Soße und packen diese in auslaufdichte Transportboxen; oder backen ein Brot und fertigen sich einen eigenen Aufstrich dazu an. So ist es gemeint, in Kurzform gesagt.

Zweitens: man muss einfach Losgehen. Man kann hierbei zu verschiedenen Startpunkten fahren, oder vor der eigenen Haustür beginnen. Für viele ist das Losgehen ein Problem. Nutzen sie zum Kennenlernen z. Bsp. die kostenlosen Teilnahmeformen der Stromertouren oder der ‚Gespräche in Bewegung‘, oder wenden sich an örtliche Künstler oder Interessesnten und Forschende der Spaziergangswissenschaft. Drittens: es sind immer andere und neue Wege zu gehen. Das heisst, dass bei jeder Wanderung immer ein anderer Weg dabei sein sollte. Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie alle Wege kennen. Dies stimmt meist nicht, diese Aussage konnte bis jetzt immer widerlegt werden, sie ist ein völliger, grundlegend menschlicher und natürlicher Trugschluss. Unsere Vorstellung unserer Lebens- und Wohnumgebung – die jeweils eigene mentale Karte – ist nicht der realen Umgebung angepasst, sondern orientiert sich an mentalen Markern und einem extrem kleinen Bruchteil der wahrgenommenen Umweltbestandteile. Sie wird – ganz im Sinne eines artgerechten funktionalen Gehirns – als meist abgeschlossene, ‚fertige‘ Gefühlslandkarte unserer Umgebung gemerkt. In ihr hat man sich nicht gemerkt, wo man einen Weg hat abgehen sehen, oder merkt sich metrische Zusammenhänge, sondern: wo, wie stark und eventuell wann man ein bestimmtes Gefühl hatte. Zur Wiedererkennung dienen Details, die sich unserer bewussten Wahrnehmung häufig entziehen. Wir merken uns Wege zwischen Lebensmittelpunkten und selbige überhaupt wegen eines dichten Netzwerkes an Bedeutungen und Beziehungen. Man kennt es aus Experimenten der Wahrnehmung von Gesichtern: Hat sich ein bekanntes Antlitz über Jahre in seiner Form oder aufgrund einer anderen Frisur geändert, haben wir manchmal Mühe, es zu erkennen, und staunen ordentlich. Man sieht die Augen, die Form des Jochbeins oder der Nase und denkt: „Ja.“ – Und ist manchmal doch unsicher, wenn alles andere anders aussieht. All dies muss man alles bedenken, wenn man meint, alle Wege zu kennen. Nach diesem oft großen Schritt im Verstehensprozess ist das simple Gehen in solch einen Weg eine nächste, gleich große Hürde. Denn häufig wird nun gesagt, dass jener Weg nicht schön aussehe, man denke, dass er eh bald ende, oder dass jener andere in eine unangenehme Richtung führe. All dies muss man außer Acht lassen, und ihn einschlagen. Circa die Hälfte aller Fußwege führen in einer vermeintlichen Sackgasse fort, als Trampelweg, hinter einem Busch, neben einem Zaun, usf.

Wenn man also einmal losgegangen ist, und eine Zeit unterwegs ist, ist es enorm wichtig, stehen zu bleiben, und aktiv Ausschau zu halten. Wonach? – Nach Allem. Bleiben Sie stehen, und lassen Sie ihren Blick schweifen. Lassen Sie sich Zeit, warten Sie, unterhalten Sie sich, trinken Sie nebenbei ein Getränk aus dem Rucksack oder essen etwas. Und wenn Ihnen langweilig wird, dann ist es umso wichtiger, genau dann stehen zu bleiben, zu warten und zu schauen. Wir sind es als Menschen kaum gewohnt, in langweiligen, belanglosen, öden, tristen, grauen Situationen stehen zu bleiben, und zu warten. Es dauert zwischen fünf und 15 Minuten, selten länger, dann ist die Situation völlig verändert. Man nimmt Dinge wahr, die man vorher nicht sah, hat Themen zu besprechen begonnen, die man mied, bekommt Informationen – auf kommunikativem und audiovisuellen Weg – die man nicht erwartete. Hinter dem Vorhang des manchmal harmlosen, manchmal grausam erscheinenden Wartens liegt eine Oase. Und dann geht man weiter.

Man kann abstruse Dinge probieren, um dahin zu gelangen: mit Schildkröten spazieren, oder Katzen, oder mit verbundenen Augen, unter Führung eines anderen Armes – alles hat es schon gegeben. Meist mit Kopfschütteln.

Wenn Sie generell ein Langsamgeher sind, gehen Sie schnell. Wenn Sie beides eh schon tun, vertauschen Sie die Orte. Wo Sie sonst hasten würden (auf jenen neuen unbekannten Wegen), schleichen Sie nun; um umgekehrt.

Halten Sie an einem Platz Ihrer Wahl an und verspeisen Sie Ihr Mitgenommenes. Bieten Sie anderen Wanderern Gastfreundschaft an. Breiten Sie ein schönes Tischtuch aus, egal ob auf Boden, Wiese oder Tischplatte. Und wenn Sie dann mit essen beginnen, wissen Sie, warum es zubereitet sein muss, und warum ein Lieblingsessen etwas anderes als die Wiener oder das Fertigsandwich ist.

Seien Sie so zweieinhalb oder drei Stunden, exklusive große Essenspause, gehend unterwegs. Ergötzen Sie sich an den verschiedenen lustigen und maroden Dingen, die man erblicken kann. Wenn Sie sich am Bahnhof hinsetzen wollen wie wir, müssen Sie vorher fragen. Bis bald auf dem Weg.

 

 

Fotos Galerie: Lars Polten / Titelbild: Jan Jeskow. In Kürze folgen weitere.