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Und auf dem Weg, im Gehen im Paradies, fanden wir uns wieder.

Die Gespräche in Bewegung 2017.

 

21. und 07. Mai, 23. und 10. April.

 

Es ist immer grandios, und jedes Mal anders, und häufig unbeschreiblich. Zum Beispiel am 21. Mai. Wie wir losliefen, nach dem Treffen am Begegnungszentrum WeltRaum, dort noch Essen eingepackt hatten, die Straße überquert, über eine Brücke, und plötzlich war Khudaram weg, und eine geschlagene Stunde liefen und suchten wir uns gegenseitig, verloren zwischen Bäumen und Wegen, mit verzerrten Handyverbindungen; und immer wieder fehlten andere auch noch zwischendurch. Und auf dem Weg, im Gehen schon hinter dem Jenaer Paradies, fanden wir uns wieder, freuten uns und kamen, wie von Geisterhand geführt, an eine Kunstinstallation über Flucht und Tod im Mittelmeer vorüber. Und schauten und redeten und staunten, und übersetzten die Worte an den Rohren. Und mussten die in Gitterkoffern angehäuften Lebensüberbleibselnicht übersetzen, die da waren: verschiedene Nachbildungen von Alltagsgegenständen. Bürsten, Spielzeug, Kuscheltiere, Fotografien, Schuhe, und anderes mehr, untergegangen im Meer, aus Händen gespült und untergegangen. Unser Tag zog den Jahrhundertweg.

An einer natürlichen Insel vor Burgau hielten wir inne, und junge und alte Deutsche kamen mit Afghanen und syrischen Palästinensern, oder palästinensischen Syrern ins Gespräch, im Liegen und Stehen, beim Essen und Verweilen. Ja, so war das, über Religion und Gesellschaft, Grundeinkommen und Gelderwerb, bei Blumenkranzflechten mit deutschen und kosovarischen Mädchen und Jungen, und Lachen. Alles war geworden, wie es genannt wird – Gespräch in Bewegung – weil unser Gang mit dem Verlieren und Wiederfinden, dem Unverständnis und den Sprachschwierigkeiten, und dem Verstehen darüber hinaus einander den Menschen und die alles verbindende Freude zeigte.

Ein bis zwei Stunden Weggehen, über eine Stunde Essen, dann zurück.

Zwei Wochen vorher das Erstaunen, in einer anderen Richtung: wie sich die Unbekannten miteinander bekannt machten, wie wir das Essen hinzauberten, dass uns die Spucke wegblieb, wie die Kinder im Grünen tobten, und wir verstecken und fangen spielten. Auch war es wieder so – wie immer – dass wir uns manchmal auf die Schenkel klopften vor Lachen. Und dass wir auf den Berg schnauften, und unsere Steigungsbedürfnisse aufeinander anpassen mussten, und rückzu talwärts natürlich manchmal ungläubig auf die Ausgehschuhe einiger schauten. Nicht obligatorisch waren die staunend machenden Akrobatikvorführungen einiger, wer wie seine Arme und Finger verdrehen kann, oder wie jemand aus dem Stand vor oder rückwärts eine Rolle in der Luft machte. Die Gespräch hier diesmal anders – je wie die Gruppe ist, wer zusammensteht. Zwischen all dem Laub, inmitten all des Gehens oder Innehaltens, da fällt jedem alles ein, und jeder kann und darf schweigen, wie und wann es angenehm ist.

 

Jeder Gang bei den Gesprächen in Bewegung ist anders, denn die Route und die Abfolge aller Elemente werden intuitiv und anhand der Gruppe im Gehen festgelegt. Einzig gleich bleibt die Aufforderung, sehr gutes – handbereitetes! – Essen mitzunehmen. Der entstehende positive Effekt, der beim Essen von eigens zubereiteten Essen im Naturraum entsteht, wird weitestgehend unterschätzt. Unterschätzt wird ebenso, dass mit dem ansteigenden Grad der Durchplanung einer Tour Freude abhanden geht. Dies merken Teilnehmende und Durchführende selbst erst, wenn sie eine Tour ohne die allgemein angenommenen Wanderregeln organisieren. Es gilt das Rezept zum glücklichen Draußensein.

 

Alle Bilder: Lars Polten