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Beim Laufen talwärts

Zur Nachlese: Der Müßiggang von Remderoda

Bilder: Uwe Erler / Jena  / November 2013

 

Zum Nachlesen des Spazierganges im November 2013 als Auftakt zur Abendveranstaltung des ‚Hohes Gut Remderoda e. V.‘ im Pumpenhaus hinter der Papiermühle (Mühltal, Jena) – im Folgenden der Text aus dem Beiblatt zum Spaziergang.

 

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Der Mensch in der Natur

Bekannt ist, und seit den 80er Jahren des 20. Jh. zunehmend erforscht, dass Bewegung in der Natur gesundheitsfördernd ist und die körperliche und seelische Fitness kräftigt. Die positiven Effekte der Natur lassen sich mit dem Vergleich von Herzaktivität, Muskelspannung oder Hautleitfähigkeit belegen, auch existieren Studien über kürzere Regenerationszeiten und geringeren Medikamentenverbrauch nach körperlicher Krankheit oder Verletzung – schon beim Sehen von Naturbildern. Im Naturraum bewegende Menschen verfügen i. d. R. über ein positiveres psychisches Grundgefühl, bessere Selbstkonzepte und empfundene Selbstwirksamkeiten.

Natürlichkeit und Multiperspektivität

Die Vielfältigkeit eines Naturraumes ist um ein Vielfaches höher als die einer künstlich geschaffenen Umgebung unserer alltäglichen Arbeits- und Wohnplätze. So in der Anzahl der vorhandenen einzelnen Elemente und der möglichen Beziehungen, in die diese gebracht werden. Tausende Äste, Blätter, Büsche und Bäume, die in mehreren Hundert Metern um uns herum stehen, dazu geologische Ausformungen im Umkreis mehrerer Kilometer, bilden einen größeren Raum mit einer unfassbaren Auswahl an fokussierbaren Eindrücken und Perspektiven.

Gehen als Alltagsbruch

Dazu kommt eine quasi artgerechte Beanspruchung des Körpers und Geistes, einschließlich der natürlichsten Fortbewegungsform, dem Gehen. Das Gehen als solches und an sich ist zum einen derartig alltäglich, dass es nicht beachtet wird, und andererseits fast verschwunden. Ungefähr 20-25 % der Kosten aller Krankheiten können auf mangelnde Bewegung zurückgeführt werden. Weil es nicht alltäglich ist, kann der Mensch beim Gehen im Naturraum in einen Zustand der Liminalität (V. Turner) versetzt werden: also in einen Schwellenzustand oder Zwischenraum geraten. Zudem ist es kulturgeschichtlich mit Gefühlen des ‘Aufbruchs’ und ‘Unterwegssein’ konnotiert.

absichtslose Aufmerksamkeit

Außerhalb seines Alltags und umgeben von einer unwillkürlich geschaffenen Auswahl erlebt der Mensch eine absichtslose Aufmerksamkeit und findet mentale Erholung. Gleichzeitig, sein kulturelles Gedächtnis mitbringend, kann er im Bewusstsein die einzelnen Elemente der Umgebung in eine alles einschließende Beziehung bringen: und eine Landschaft entsteht.

Gesamtheit Landschaft

Wenn wir solch eine im Blick haben und als schön empfinden, dann vereinigt sie immer mehrere, teils gegensätzliche Prinzipien. Sie ist geordnet und damit einsehbar, somit lesbar und vorhersagbar. Gleichzeitig beinhaltet sie genügend uneinsichtige Bereiche und verdeckte Elemente, die sie insgesamt komplex und einfach, überschaubar und geheimnishaft wirken lassen.

Müßiggang in der Natur

Schließlich führen die genannten Faktoren, dazu die Unaufhaltsamkeit im Gehen, die jeweiligen Erfahrungen der eigenen Biographie und die allseits unterschätzte Macht der menschlichen Phantasie dahin, dass man sich selber ständig assoziativ im Raum und auf dem Weg verortet. Unangestrengt kann man die Welt und ihre Begebenheiten durchdenken, sie verstehen und sich positionieren. So ist man plötzlich zum Müßiggänger geworden.