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Batterien in wucherndem Giersch. Vergessene Müllhalden am Wanderwegesrand.

Fast schön, wie die Kanister und die Batterie mit Moos bekränzt und schmuck am Baume liegt, finden Sie nicht? Ein Stillleben von vielen. Die meisten sind unter Laub verschwunden, selten so wie hier an Baum und in Grün arrangiert. Orte des Abfalls um Jena – zum einen erschreckend, zum anderen mit Alltagsgeschichten unseres Landes gespickt.

 

„Entschuldigung. Entschuldigen sie bitte. Ich wollte einmal was fragen.“ So nähere ich mich der alten Frau auf dem Weg zwischen den Gärten. „Ich wollte mal fragen, ob Sie wissen, wem der Garten hier gehört?“ Und nicke hin zur alten und verwachsenen Plantage neben uns. Ja, na klar, der gehöre hier einem Wirt aus Lobeda, der Name sei ihr entfallen, und früher haben sie Schafe gehalten dort. Ein Brand hätte es gegeben, in den 90ern, flechte ich ein – und weil ich aus der Gegend sei, kann ich mich daran erinnern. Ja, ein Brand sei das gewesen, der Stall habe gebrannt, und ein ganzes Wohnhaus habe dort gestanden auf dem Grundstück. Damals habe eine eine Kollegin ihres Mannes dort Schafe gehalten, gestunken hätte sie, wenn sie auf dem Beutenberg zur Arbeit erschienen sei, wegen der Miststiefel. Und der Mann, der von der Frau, habe Autos gesammelt noch und nöcher. Ja, flechte ich ein, mindestens drei Autos, zwei Traktoren, unzählige eingefallene Unterstände, Dutzende Benzinkanister, und mindestens sieben herumliegende Batterien habe ich gesehen. Hundert Quadratmeter Schutt und Abfall, Müll und Plaste, Reifen und Ruß, Autotüren und Haushaltgegenstände, Geräte und Verrostetes, Ziegel und Dachrinnen, Zäune und Zaunsfelder, Wellplaste und Wellasbest. Und sie stöhnt, das sei ja entsetzlich, und nickt wissend dabei: das Umweltamt sei schon einmal vor vielen Jahren dort gewesen und habe zehn Autos oder mehr abgeholt, und sie hätten damals auch einmal dem Oberbürgermeister geschrieben gehabt, und nichts sei passiert. Eine Gemeinschaft hätte die Plantage bewirtschaftet, mehrere Gärten haben existiert. Die Zäune hatten wir gesehen, zwischen den alten abgestorbenen Obsthochstämmen, den halb verbrannten Wänden und diesen Hütten, die Garage oder Stall gewesen sind.

Wenn man durchs Gras ging, knisterten die Planen unter den Füßen. Wenn man ganz nah in den einen Busch hinein spähte, sah man irgend eine Maschine, mit Reifen und Zündschloss und Lenkrad. Nächster Fokus: zog man an einem Zipfel eine Tüte aus dem Müll, erkannte man die Verpackung von DDR-Kartoffel-Püree, zwischen zwei Flaschen klemmte sie, daneben Steine und Erde und Giersch. Weiter. In einem nächsten Glas gluckerte Eingekochtes. Mit der Fußspitze zieht man weitere leere Gläser und Topfreste hervor. Einen Gießkannenrest, dann einen Brauseschlauch aus einem Bad mit einer Plastikhandbrause. Wieder Eimer. Eine DDR-Waschmaschine auf dem Kopf, der Motor daneben, eingewachsene Schüsseln. Hier ein alter Fahrradrahmen, die Bremse als statischer Hebel konstruiert und alles verrostet. Zig Eisenreifen, Töpfe, Gläser, Flaschen, Büchsen, Dosen, Wannen, Eimer, eine Kartoffelquetsche, Tauchsieder, Müllcontainer, Schredder, Eggen, landwirtschaftliche Geräte. Und immer wieder Autos und Autoreste. Am nächsten Haufen Rätselraten, bis wir darauf kommen, dass ein Dach über einem alten Bienenhaus liegt. Am nächsten Haufen Raten, bis der Beton, die Wannenform und das Restblau als altes Bassin oder als Teich identifizierbar sind. Am nächsten Rosthaufen Unverständnis, bis wir nachsehen und die Pedalen eines alten Farhzeuges wiedererkennen. Und ohne Ende geht es weiter, Schritt für Schritt im Halbdunkel des entstehenden Hochwaldes.

Das alles als Bilder im Hinterkopf, als ich die Frau frage. Was man tun könne? Tja. Darüber schreiben, denke ich, und nochmal dem Amt irgendetwas mitteilen. Wir verabschieden uns, ich zum Kaffee und sie in den Garten. Bis bald auf dem Weg, denke ich mal, oder?