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Das Gehen als ein Drahtzieher unseres Wohlbefindens.

 

 

Ist es wert, über das Gehen zu schreiben und zu lesen? Das Gehen als solches und an sich ist zum einen derart alltäglich, dass es nicht beachtet wird, und andererseits fast verschwunden. Aber der Mensch ist ein homo viator. Gehen ist eine artgerechte Beanspruchung des Körpers und Geistes und natürliche Fortbewegungsform des Menschen. Alle Körperfunktionen sind darauf abgestimmt und haben ihre beste Funktion und Lebensdauer, wenn man sehr viel geht, Treppen steigt, usw. Alle Gefäßsysteme, Muskeln, die Verdauung, alle Bindegewebe, und bewusste und unbewusste Tätigkeiten des Gehirns unterstützen sich gegenseitig (Hormone, Intellekt, Emotion, Gedanke, Tat, usf.). Die Zahlen aus der Forschung klingen unisono: ungefähr 20-25% der Kosten aller Krankheiten können auf mangelnde Bewegung zurückgeführt werden. In der EU gibt es pro Jahr ca. 1 Mio. Todesfälle aufgrund Bewegungsmangel. Es summiere sich, wird geschrieben, ein Verlust von ca. 8,3 Mio. behinderungsbereinigten Lebensjahren. Krankheiten kommen in Form von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, oder Atemwegserkrankungen. Woanders heißt es, das pure Nichtbewegen, das Sitzen, könne als das „neue Rauchen“ angesehen werden.

Zudem ist das Gehen kulturgeschichtlich mit Gefühlen des Aufbruchs und der Veränderung verbunden: Unterwegssein, Fortschritt, Entgehen, Neuanfang, ‚neue Welt‘, Unaufhaltsamkeit. Diese kulturell genutzten Ausdrücke beschreiben dabei körperliche Erfahrungen: zum Verändern und Vorwärtskommens bedarf es des Losgehens. Zur Verbindung von Lebenstätigkeiten und dem Gehen kennt jede*r dutzende Beispiele aus der Sprache. Daher braucht man eigentlich überall das Gehen: in Pädagogik, Erwachsenenbildung, Biographieforschung, Psychotherapie, für emotionale Entwicklungsvorgänge und die Bewältigung vieler bedrückender Erfahrungsräume. Man braucht es auch bei Trennungen, beim Sterben von Angehörigen, bei Angst, usw.

Das Gehen als Form des Wanderns oder Spazierens funktioniert auch deswegen gut, weil man unbewusst weiß, dass man ins Heimische wiederkehrt. Vom Gang in die Natur kehrt der heutige Mensch zurück, Natur bedeutet Abschalten und ist dem Alltag entgegengesetzt. Außer man arbeitet draußen, leider. Dann empfindet man es nicht so. Wenn man einmal losgegangen ist, um sich im Naturraum Umweltausschnitte anzusehen, kann man in einen Zustand der Liminalität geraten. So wird ein Schwellenzustand oder Zwischenraum bezeichnet, in dem man das Vergangene noch nicht richtig verlassen und das Neue noch nicht ganz betreten hat. Konkret heißt das: man tritt aus dem Alltag heraus, ist dann „mal weg“, und bekommt eine Auszeit. Und weil ein natürlicher Raum – die Natur – nicht die Vorgaben des Alltags und der künstlichen Welt enthält, erfährt man Erholung. Man ist plötzlich von einer Welt umgeben, die keine Zwecke erfüllt, und keine Forderungen erhebt. Dies wird absichtslose oder unwillkürliche Aufmerksamkeit genannt. Unangestrengt kann man sich und seine Beziehungen zur Welt und ihren Begebenheiten durchdenken, sie verstehen und sich positionieren. Daher ist Draußensein nicht immer schön, wird es aber immer, wenn man draußen bleibt. Die Positiveffekte erscheinen spätestens nach zwei Stunden, meist ist man aber schon eher im Raum des Draußen angekommen.

Das Gehen und Bewegen im Naturraum ist ein Drahtzieher unseres Wohlbefindens. Mehr als andere Elemente des Erholens – Fernsehen, Filme, Computer, Alkohol usw. – sorgt es für dauerhafte Lebenszufriedenheit. Es steigert unser psychisches Grundgefühl, es fördert bessere Selbstkonzepte und erhöht die empfundene Selbstwirksamkeit. Wenn wir gehen, fördern wir jede Faser von Körper und Seele. Deswegen homo viator. Und deswegen lohnt es sich, darüber nachzudenken.

 

 

Titelbild: Lars Polten