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Der fehlende Realismus in Jenaer Naturpädagogik. Eine Kritik.

Naturpädagogik setzt sich aus vielen Inhalten zusammen. Unter anderem aus dem Gehalt an Realismus im Berichteten und Erzählten. In der Sprache wird immer eine Prise Poesie und Erfundenes, Übertreibung und Verdichtung eingebaut. Somit können Effekte des Verdeutlichens durch Kontrastierung, oder mit Nachvollziehbarkeit durch Verbildlichung erreicht werden. In eine Melange und einen stimmigen angenehmen Zusammenhang gebracht wird alles, wenn eine gute zusammenhängende Erzählung entstanden ist, die aus nachvollziehbaren Gefühlen und Argumenten, Bildern und Sequenzen, sowie erkennbaren Erfahrungen aufgebaut ist.

Solch eine Story oder ‚große Erzählung‘ kommt überall vor, in jeder Biographie, jeder Institution, jeder Schule und Firma – überhaupt jede soziale Gruppe hat eine Herkunft und eine Vision, die in Erzählungen geronnen sind. Die Erzählforschung kann ein Lied davon singen.

Die Erzählungen um die Jenaer Natur sind auch so. Sie beinhalten nachvollziehbare Erfahrungen. Zum Beispiel, dass die Jenaer Horizontale ein schöner Wanderweg ist, oder dass Wälder um Jena viel Erholung bieten und der Aufenthalt in ihnen schöne Momente generiert. Sie bieten auch die Erfahrungen des Erreichten: zum Beispiel wurde der Wildpfad ‚Schlauer Ux‘ installiert und freut sich regen Besuches.

Sie bieten Visionen. Zum Beispiel, dass immer weiter Naturschutz betrieben wird und er auch in Gefilde überführt wird, die bisher nicht hier existierten: so soll ein Waldstück in einen „Urwald“ umgewidmet werden, er soll gar nicht mehr genutzt werden.

Und sie haben zum Positiven hin bewältigte Vergangenheiten: so zum Beispiel Sanierungen, also Verbesserungen an Naturschäden, die in der Vergangenheit entstanden waren. Die Deponie am Schottplatz im Jenaer Forst wurde mit viel Geld befestigt und abgedeckt, Wasserproben werden zur Überwachung des Grundwassers genommen.

Dem Jenaer Erzählen über seine Naturräume mangelt es aber an Realismus. Je mehr man sich mit den tatsächlichen Naturverhältnissen beschäftigt, stellt man immer mehr Realitätsferne fest. Das liegt daran, dass in allen Erzählungen niemals auftaucht, welche Hinterlassenschaften des Menschen – Abfall und Müll – noch in den Wäldern herumliegen. Die Positivgeschichten haben den negativen Effekt, dass man die grundsätzlich positiven Narrative in andere Zusammenhänge zieht. Man nimmt einfach an, dass andere Areale, die man noch nie persönlich gesehen hat, auch eine gute Naturentwicklung haben. Des Weiteren trägt das allgemeine menschliche Vergessen dazu bei, dass man frühere schlechte Erfahrungen vergisst. Zum Beispiel wissen viele Ältere nicht mehr – erzählen es auch nicht täglich – dass sie Müllkippen schon haben brennen sehen haben zu DDR-Zeiten. Weiter liegt es auch daran, dass sogar in gefeierten Veröffentlichungen über Jena mangelnde Informationen geschrieben stehen: im Stadtlexikon von 2018 ist die Behandlung des Abfalls derart dürftig, dass man denkt, es habe kaum welchen gegeben. Ganze zwei Deponien von Dutzenden Deponien, Müllkippen und wahrscheinlich noch hundert weiteren Müllplätzen an Hängen oder durch Verklappungen in freier Natur werden genannt. Da kann man schon annehmen, dass es keinen menschlichen Abfall in der Umgebung gibt, und das alles im grünen Bereich ist. Ferner kommt noch eine Wortwahl hinzu, die suggeriert, dass man alles weiß und alles im Griff habe.

Es gibt ein großes Konvolut an Berichten und Inhalten, die über den Naturschutz und die künftigen Bemühungen um die Erhaltung der Natur kursieren. Meist sind dies aber nur Wissen um Vogelstimmen oder Kräuter. Es ist eigentlich längst an der Zeit, auch andere Inhalte einfließen zu lassen. Bis bald auf dem Weg.

 

Bilder: Lars Polten

Titelbild: Der Müll im GLB Thalstein. Ausschnitt.