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Drei Tage in Richtung Mitteldeutschland.

Oder:  Über die einfache und ansteckende Sehnsucht, wenn man jemanden gehen sieht.

 

Drei Tage waren von der ganzen Woche im Juni verblieben, die ich mir vorgenommen hatte wegzugehen. Drei Tage, an denen es hieß: draußen sein, gehen, laufen, vorwärts kommen, Strecke machen. Routen und Regionen erkunden. Nachdenken, Leute fragen, Gespräche suchen, Regionales herausfinden, Wanderer sein. Jemand sein, der zu Besuch ist, der sich Zeit nimmt, und für sein Unterwegssein gemocht wird. Es wird ein langer Text, es gibt viel zu sagen, und es gab viele Bilder, zu denen man jetzt ganz weit herunterscrollen muss.

Es dauerte einen halben Tag, eh alles restliche bürokratische erledigt und der Drucker ausgeschaltet war. Eh der Rucksack gepackt war und auf dem Rücken landete. Altbekannte Wege führten aus Jena hinaus, die Straßen und Steige Richtung Norden, die Dornburger Straße hinter, irgendwie am Discounter am ‚Milchhof‘ und am Heiligen Berg vorbei, durch das letzte nördliche Viertel Jenas unterhalb der Schießbahn entlang. Und dann stand ich im Grünen. Ja, wie soll ich jetzt beschreiben, was man fühlt, wenn man sich drei Tage frei genommen und nur ein ungefähres Weggehen vorgenommen hat? Die Freude durchströmt einen, und sie wechselt manchmal mit nachdenklichen Blicken auf die Karte, wieder zum Bedürfnis hin, wissen zu wollen, wo es lang geht, wo man abends sein wird. Sie durchströmt einen, wenn man die Sorgen dann aus Erfahrung überhören kann, weil man weiss, dass alles gut wird, und einfach weitergeht. Freude ist es, nur eine Richtung festgelegt zu haben, und in diese zu gehen. Dabei den Schritten zu lauschen oder etwas anderem. Seine Gedanken aufzuschreiben, oder aufzusprechen auf das Diktiergerät, oder einfach auszusprechen (nachdem man sich dann doch umgeschaut hat). Manchmal einfach stehenbleiben und jemandem nach dem Weg fragen, trotz Kenntnis der Umgebung. Miteinander zu reden, sich dann umzublicken, und irgendwas ansprechen oder erfragen. Es ist schön, wenn andere aus ihrem Leben erzählen, etwas über ihr persönliches Glück verraten. Sich die Zeit nehmen, um sich selbst zu fragen, wie man das eigentlich erfühlt, was der andere will. Ein Schnack halten, dann alles Gute wünschen für den Tag und das Leben, und weitergehen. Da war die Frau am Großkaynaer See, die von ihrem Abwasch im Garten nicht wegwollte, die nicht reden wollte, nicht an den Zaun kommen wollte. Da war der Kioskbesitzer, der ruhig über den Geiseltalsee blickte, und in seinem vorigen Arbeitsleben wie fast alle dort in der Gegend ‚in der Kohle‘ gewesen war. Oder das junge Paar aus Leipzig, unterwegs auf dem ökumenischen Pilgerweg mit Kindern und Gepäckwagen. Oder die Frauengruppe, die in Wurzen aufgebrochen war vor Tagen und mit sehr ermüdeten Blick gefragt hatte, wie weit es zum nächsten Ort sei. Oder das andere Ehepaar: als er nicht gehört hat wegen der Motorsäge in der Hand, und sie schließlich auf mein Rufen über die Hecke hinweg antwortete. Kartenblicke, Erklärungen, was man tut, und dass einen der andere einschätzen kann. Von der Einfahrt trieben wir an den Kaffeetisch am Haus. Kaffee, Plätzchen, Gastfreundschaft. Wasser auffüllen. Broschüren zeigen, wieder Kartenblicke. Viele Infos sind geschmückt mit dem Zusatz, dass jenes Sehenswerte dort oder jene Gaststätte da weiter weg sind. Es ist zu spüren, dass viele Leute nicht laufen, und man weiss, dass man selbst wenige Stunden später dort stehen wird, erholt und entspannt und voller Eindrücke, glücklich. Es wird fast immer herzlich, es wird einfühlsam, vielen steht die Freude ins Gesicht geschrieben, einfach jemanden laufen zu sehen, oder dass sie es auch einfach mal gern haben würden, dieses Abtauchen und Loslassen und Fortkommen.

Egal, was kommt und egal was passiert, egal, wie, wo man landet und was eintritt, es geht auf jeden Fall immer weiter und es wird gut. (Wegebuch, hinter Jena-Zwätzen)

Es war aber noch der erste Tag, und das stete Vorankommen sorgte zum Beispiel für die überraschende Einsicht, dass man in fünf Stunden von Jena nach Bad Sulza kommt. Einfach so und mit über zehn Kilo Gepäck. Oberhalb von Porstendorf lang, auf dem Plattenberg, dann durch Neuengönna geschnickt, die Quelle ausgetrunken. Über den Burgschädel nach Dornburg hinauf, die halbminütigen Blicke der im Gespräch gestörten Anwohner angeschaut – wenn man an der einen Häuserecke auftaucht, auf sie zugeht, grüßt, und irgendwann wieder verschwindet – man wird ununterbrochen angeschaut. Über die Anhöhe nach Eckolstädt gehuscht, und ewig im Ort rumgesucht, wie der Weg weitergeht. Es war Nachmittag geworden, und die Leute hatten sich in ihren Hinterhöfen und Gärten Kaffee und Bier kredenzt. Ein Konsum, auch ein Fläschel eingekauft. Über die ewig lange Anhöhe nach Bad Sulza gegangen.

Auf jeden Fall ist es wichtig, immer wieder, andere Wege zu gehen.

‚Sulze‘, wie man auch etwas abgeschliffener sagt, mit Autos und Lärm, und dagegen Ohrstöpsel mit Musik. Cafés am Marktplatz. Erstaunte Blicke wieder von Gästen und Bedienungen. Oder hab ich zuerst erstaunt geschaut? Hinter Sulza, am Rand, ein Landwirt, gegenüber einer alten DDR-Kinderferienlageranlage, einem altvorderen Mühlenkomplex. Abgefackelt wurde er, eine Etage, erzählt er, weil ein Flüchtlingsheim rein sollte irgendwann. Nun wissen sie nicht weiter dort. Er hatte sein Heu gewendet für seine Pferde, erneut, weil es zwei Tage vorher mächtig runtergeschüttet habe. Freundlich hatte er geschaut, beim Wenderzusammenschieben, als ich ein paar Meter weg auf die Karte starrte, und ich ging hin. Es sei wenig dieses Jahr, wenig Futter gewachsen. Weiter oben am Hang gab es eine KULAP-Wiese, das Futter dürfe er nicht nutzen. Unverständliche Bürokratie.

Viele Wege gingen von dem Weg an der Wiese ab und alle trugen irgendwelche Generalsnamen aus dem heute absolut und unerträglich verklärten Krieg von 1806. Hatte nicht mal Brecht irgendwas gesagt: ‚der General gewinnt die Schlacht – und wer ist gefallen, wer hat geschossen, wer das Brot gebacken‘ oder so? Allzuleicht vergessen wir, dass es wirklich so ist, kommunistischer Brecht hin oder her. Ich fragte nach dem Weg. Unweit Sulza solle es zwei Linden geben, die Napoleon und irgendjemanden symbolisieren, Weiden habe man dahinder gepflanzt für die Anzahl der damaligen Generäle. Hinter uns waren eine Gruppe Nordic-Walker vorbeigelaufen, einmal hin, und dann wieder zurück. Später nach dem schönen Gespräch war ich den Grenzbach zwischen Thüringen und Anhalt in Richtung Norden gelaufen, Marschall-Davout-Weg oder Blücher-Weg oder wie auch immer. Und weil ich dann zu ungeduldig war, den prognostizierten Übergang über den parallelen Bach zu finden, bin ich mit Dönerbeutel und Fotoapparat in der Hand vorsichtig durch den Bach hindurch, mit bewahrtem Gleichgewicht, auf die anhaltinische Seite. Hoch nach Rehehausen, unterwegs ein Crossfahrer, der Dönerverzehr am Wegesrand, dann das verschlafene Rehehausen, kein Mensch draußen. Ortsauswärts erst ein Ehepaar mit Tochter, die ich einholte. Lange Blicke, wer ihnen da folge. Ein paar Zähne fehlten dem älteren Herrn, der eine Hacke als Wegstock benutzte. Die Ehefrau war aus Bad Kösen, hatte dann nach Rehehausen eingeheiratet, und hatte ihr ganzes Leben dann dort verbracht. Die Tocher erzählte, dass sie Kirschen mitnehmen wolle später auf die Arbeit oder anderntags. Aber so viel könne sie jetzt nicht essen, nacher gehe es mit dem schlafen nicht so. Später stand ich nahe einem ‚Ziegelhaus‘ genannten Punkt, schaute in die Ferne, lief durch Hassenhausen und Spielberg. Ganz schnell und ganz gerade durch die letzten Dörfer ging es Richtung Norden, zur Finne. Nördlich von Spielberg saß ich dann am Feldrand, suchte einen Liegeplatz, der nicht an einer Dickung lag, der keine Wechsel in der Nähe aufwies. Um Gottes Willen, bin ich weit gelaufen an diesem Tag. Der Windmühlenpark, durch den ich irgendwann gelaufen war, lag fern am Horizont. Ich sah nicht mehr südlich auf den Ettersberg, sondern vom Norden her. Alles wirkte näher heran gerückt. Ich vermeinte, das Saaletal zu sehen in der Ferne, klein und ganz fern. Wie sich die bewaldeten Hänge hinabstürzen in etwas, was das Flusstal sein muss. Die letzten Jenabilder wandern im Kopf herum, wie ich es zum Schluss sah, aus der Ferne. Ganz stark war das Gefühl von Kleinlichkeit nun, was mich des tags oft befallen hatte. Wie kleinlich alle Probleme des Alltags sind, dass manche das Leben so grau machen können. Auf dem Weg hatte ich Nischen gedanklich gemerkt, zu denen ich mich zurückziehen könnte, sollte ein Gewitter aufkommen, oder wenn die Jäger, von denen ein Wagen einen Kilometer im Feld weg stand, an den Rand des Waldes und zu mir kommen sollten. Irgendwie war Bienensummen in der Luft und so fand ich noch einen Lindenbaum in der Blüte stehend. „Wenn ich morgen aufwache, werde ich nach Osten gehen“, sagte ich mir, und schaute die Karten durch. Vor mich hinsprechend ging ich die Wege durch und überlegte wegen der alten Touren in den Jahren vorher, die mich in der Nähe entlang geführt hatten. Dann sah ich, dass ich den Jakobsweg in Freyburg treffen werde, und dass er genau in das Tagebaugebiet führt, hin zu den Kühltürmen, die die schon von Jena aus sichtbaren Kondenswolken erzeugen. Im Feld ein Stück weg wühlten Tiere und ich ging an den Rand und schnalzte und klatschte mit Zunge und Händen, klopfte mit Stöckern aneinander. Sie hörten mich nicht und ich verlegte das Lager noch ein Stück auf einen Weg zwischen zwei niedrig stehenden Schlägen. Ein Marder schaute verdutzt einige Sekunden lang zu, erschreckte und flüchtete dann.

***

„Ich bin hier groß geworden.“

„Also sie kennen es noch richtig, dass hier drin die Bagger drin waren?“

„No.“

„Das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen.“

Als Lehrling, genauer: Berglehrling, hatte er angefangen. Da gab es den Großkaynaer oder Südfelder See noch nicht, und wohl auch den Tagebau, der er später wurde, nur als kleineres Loch. Berglehrlinge sind die gewesen, die im ganzen Tagebau alle Gewerke durchgemacht haben.

„Ausbildung als Lehrhäuer unter Tage – hab ich hier noch mit gearbeitet, unter Tage. Das sind Strecken aufgefahren worden, 300 Meter, bis unter den Ort rein.“

In Großkayna war er geboren, Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, und wohnte nun fast 40 Jahre in dem Haus am jetzigen See, wo wir redeten. Alles, was wir erblickten, so führte er aus und zeigte, sei aufgeschütteter Boden. Alle nahen Seeränder seien in Zeiten der Bewirtschaftung nicht da gewesen, wo sie jetzt seien, sondern es war alles Grube, Tagebau. Ganz im Süden, bis dorthin hatte sich der Grubenrand erstreckt. Die letzten Häuser von Großkayna wurden nicht entfernt, weil das Kohleflöß zu dünn geworden war. Die Seefläche war damals der hauptsächliche Ort gewesen. In den 40er Jahren schon wurde der Boden ausgekohlt, in den 50ern war es schon vorbei, dann wurde alles abgebaut, die Gleise und alles andere. Und Unglücksfälle? Ein Junge war mal ertrunken. Hatte am Rand gespielt, war reingerutscht, fortgetrieben, im kalten Wasser ertrunken. Hat es Rutschungen gegeben? Nein. Aber genau in Nähe des Hauses waren bei einer Böschungsbegradigung zwei Raupenfahrzeuge mit einer Erdmassenbewegung in den See gerutscht. Der gerade nach oben gefahren war, hatte Glück gehabt. Der nach unten gefahren war, sei mitsamt dem Grund und der Raupe in den See gerutscht. Eine Zeit später oder am nächsten Tag haben sie ihn rausgeholt, tot. Einmal war ein erfahrener Obersteiger, eigentlich mit sehr sehr viel Erfahrung, von einer Grubenbahn erfasst worden. Er war im Tagebau groß geworden, sei von einem Gleis ins andere getreten, und hat nicht geschaut, ob frei ist. So standen wir am See und redeten. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich nie meinen Rucksack gespürt habe während des Redens. Die Wolken der Kühltürme bei Merseburg könne man bis Jena sehen, erzählte ich, 60 Kilometer. Oben auf der Halde, berichtete er, könne man das Völkerschlachtdenkmal sehen, auch fast 50 Kilometer. Na da, sage ich nach weiteren letzten Blicken und Worten, ich mach mal weiter, und wünsch einen schönen Abend. Ja, das wünsche er mir auch. Dann war ich zur Gaststätte gelaufen, hatte Pizza gegessen und Bier getrunken, in einem ziemlich, naja, ‚benutztem‘ Gastraum. In früheren Urlauben hätten wir gejubelt, solch eine mit eigenen Flair ausgestatte Kneipe zu finden. Die Decke war tropfsteinförmig, alles wirkte sich selbst überlassen, oder vergessen, oder provenzialisch. Die Bezüge abgesessen, das schwarze, wie einem Quelle-Nachwendekatalog entnommen wirkende Furnier der Tische abgewetzt, das Geländer der Terasse draußen verformt, die Lampen im Gebüsch verschwunden und eingewachsen, die Werbeschrift wirkte alt. Der Goethe-Bier-Spiegel an der Wand und der Zapfhahn waren neu. Schön, provenzialisch gemütlich. Das Gegessene hatte dann zwei Stunden schwer im Magen gelegen und ich nutzte die Zeit, um auf einer Halde eine Runde zu drehen, einmal Halde hin, und einmal Halde zurück, denn es gab nur einen Weg. Etwas Kleinodiges befiehl mich, ein paar alte, ungemütliche Geschichten schwirrten im Kopf wie die Pizza im Magen. Eine halbe Stunde musste ich sitzen und mich einnorden. Mental Map rausgeholt, nachgesehen, wo ich stehe, emotional und in der Erfahrung. Und obs an der mittlerweile halb durchgerutschten Pizza lag oder an dem Ordnen – wohl hängt beides, körperliches und seelisches, miteinander zusammen – ging es besser. Einen Pirol hatte ich gehört, und mich erinnert, dass ich mitten in den Wäldern mehrmals den Kuckuck in der Nähe hatte. An den Rändern der Halde, wo das Wasser den Untergrund abtrug, konnte man sehen, dass der Boden komplett aus sandigem Kiesel bestand. Rostige Haken lagen vereinzelt, die wohl irgendwann mal Planen oder Netze festgehalten hatten. Der Abend, an dem noch die Sirene des Ortes gellend hallte, wurde ruhig. Eine Ecke auf einem Spielplatz erkor ich mir zum Nächtigungsplatz, Zeltbahn, Schlafsack, Zähne putzen, dann noch eine Räucherminute im letzten Licht:

Dann sann ich nach. An desem Tag war ich früh an der Finne aufgewacht. In der Nacht waren ein paar Sterne zu sehen gewesen, gegen Morgen wurde es kühl. Sehr früh am Morgen war es weiter gegangen, den Weg hatte ich wieder neu und anders überlegt und war durch den Wald nach Burghäßeler gelaufen. Dort das Gothische Haus, und ein sehr alter Gebäudebestand. Nach Obermöllern hochwärts waren Raser unterwegs gewesen auf der Straße, und uralte gepflasterte Wege führten in den Wald seitwärts der Straße. Im Ort klingelte ich eine Frau im Schlafrock raus. Sie habe sich noch nicht hingelegt nach der Nachtschicht, aber gleich. So ein paar Sekunden schauten wir uns an, ohne etwas zu sagen, dann ließ ich den Blick über das Anwesen schweifen und nickte. Ohne Worte Respekt zeigen für das andere. Mit gefüllter Wasserflasche ging es weiter. Drei auf der Karte eingezeichnete Windräder eines nahen Berges gab es nicht, dafür ein kleines Essen an einem Ansitz. Dann ging es nach Stedten runter. Man läuft und läuft, arbeitet Themen im Kopf ab. Halbstündlich oder stündlich, wie ich mir sprechend notiere, kommen neue, werden gedacht, und wieder verabschiedet. Die mental map wird erweitert und sortiert, die Gefühlserfahrungen durchschweift und bearbeitet. Die Füße drückten an dem Vormittag. Ein paar Nießer gingen auf den Heuschnupfen zurück. Stedten: ein superkleiner Ort mit nur einem ersichtlichen Menschen. Zwei Fotografien. Ein Fahrradweg nach Grössnitz. Die Straße nach Balgstädt. Wenn ich nicht mit jemandem rede, erzähle ich Berichtenswertes auf das Diktiergerät. Später werde ich merken, wie sehr immer und überall die Vögel zwitscherten. In Balgstädt war ein Enten- und Gänsehalter. Themen: Wie er sie hält, was es für Verluste gab, was sie fressen, was sonst so sei. In Freyburg ein Schnack an einem Kriegerdenkmal mit jemanden, der es fotografierte. Aus einer Reisegruppe kam er, die sich selbst ihre Reise organisiert hatte. Dieses Jahr waren sie an der Saale, mit Schifffahrt und an dem Tag eben Freyburg. Eine furchtbare Autofahrerinnenstadt – also Autofahrer-Innenstadt, nicht gegendert – wie wir übereinkommend feststellten. Der Bibliothekar im folgenden Buchladen am Markt hatte von einem Pilger geschwärmt, der eine Lesung gehalten habe, irgendwann mal. Mein Gesicht hatte sich ob der Vorstellung des Klischees, dass er eine riesige Muschel umgehängt haben soll und mit einem klassischen Pilgerstab ging, gequält verzogen. Diese Schubladen wieder. Eine Karte gab es nicht an diesem Tag. Aber das machte noch nichts, denn ich hatte irgendwann festgestellt, dass ich welche mithatte, die vor Jahren einmal gekauft worden waren. Immer hatte ich sehnsüchtig draufblickend festgestellt, dass ich dort einmal hin will. Nun war ich da. Die Gegend war dann immer flacher geworden im Tagesverlauf, es wurde einfach anders, es war keine Heimat mehr. Als ich in den letzten Hügeln hinter Freyburg war, schüttelte mich nochmal die Pilgerklischeevorstellung, kurz bevor ich auf den ökumenischen Weg kam. Mir schwahnte, dass es eine Rangfolge geben wird: wer der pilgerichste Pilger sein wird. Dass man von sonstwoher kommen müsse, sonst was abgebrochen haben müsse, und sonst was für spannende Erzählungen vorweisen müsse. Und dann kommt ‚Oho!‘ und ‚Ah!‘. Da war das Schütteln gewesen, dann war der Wald zu Ende und die erste Pilgergruppe da. In Wurzen waren sie gestartet. Unser Reden war nur kurz. Nach dem Weg erkundigten sie sich, und wahrscheinlich stand mir meine Pilgerpathie noch im Gesicht geschrieben. Eine häßliche Wanderhütte hatte am Waldrand gestanden, und da sprach ich auf Diktiergerät: „Können keine schönen Wanderhütten bauen, die Leit. So jetzt müsste es hier über die Kuppe gehen. Aber eigentlich mag ich erstmal ein Bierchen trinken, mit Aussicht.“ Danach dann, im Gras sitzend: „Die Welt ist groß und klein in einem. Man kann alles sogar schnell erlaufen. Nicht nur erfahren. Kommt immer darauf an, wo man sich die-, wie man seinen Referenzrahmen setzt, denn eigentlich ist die Welt ganz kleinteilig, und dann rennt man an allem vorbei. Selbst wenn man geht, rennt man an allem vorbei. Braucht man noch nicht einmal fahren oder irgendwas. Es kommt immer auf den Referenzrahmen an. [.] Referenzrahmen heisst, welche Umstände begleiten meine Wahrnehmung. [.] Es gibt gewisse Umstände aufgrund deren ich nur bestimmte Dinge wahrnehmen kann.“ Vor dem Weitergehen hatte ich mir vorgenommen, bei der nächsten Begegnung freundlicher zu sein. Wind hatte geweht und Vögel hatten gezwitschert, und ich hatte gesessen und mich glücklich gefühlt, einfach gehen und philosophieren zu können.

Es ist eigentlich krass, wie dicht besiedelt dieses ganze Land ist. Es ist eigentlich nur ein Katzensprung. Von Weißenfels nach Naumburg, Merseburg, oder Halle, oder Leipzig, oder sonstwohin, es scheint alles nur ein Katzensprung, wenn man sich die Zeit nimmt, zu gehen. Irgendwie hatte ich die Idee gehabt, dass ich von den letzten Hügeln aus zum Leipziger Becken hin dann in die Tagebaue hineinschaue, aber ich hatte nur ferne Hügel wahrgenommen. Das Kippenberge dabei sein würden, ahnte ich, dass aber alle Erhebungen welche sind, wusste ich zu dieser Mittagsstunde noch nicht. Autoreifen, kaputte Eimer mit Bauschutt, leere Eimer, Autoteile, ein Fernseher, jede Menge Müll waren am Wegrand gewesen. Leuna, Buna, und andere Kraftwerke waren die Wegweiser am Horizont, Kondenswolken als ferne Marker. Das Diktiergerät hatte einmal aufgezeichnet, ohne dass ich sprach, und neben dem brechenden Wind war das summende Geräusch rotierender Windräder vor Pettstädt gewesen, und Atemgeräusch und gleichmäßiger Schuhtritt. In Pettstädt hatte eine Pilgerpension am Wegrand gelegen. Später am ersten Tagebaurestloch war es ein attraktives Kunststofflager: Gummistiefel, Reifen, dicke Gummiplanen, Eimer, Bauhelme, alles. Um einen Baum herum plötzlich eine Brikettfabrik. Davor ein junges Paar aus Leipzig, zu Fuss und mit Kindern, das Gepäck in einem Fahrradanhänger verstaut. Kurz gequatscht. Dann die kuriose Brikettfabrik: inmitten alter verfallender Gebäude, und neben einer komplett zugewachsenen Fabrikantenvilla eine moderne geteerte Einfahrt mit Pförtnerhauschen und ferngesteuertem Schlagbäumen. Staunend fragte ich den Pförtner an seinen Monitoren und bereitwillig gab er Auskunft, zeigte einen Plan des Geländes. Dass dort Flaschenrohlinge gefertigt werden in großen Hallen konnte man nicht sehen. Das war im Ortsteil Roßbach-Süd gewesen, wieder inmitten Vogelgezwitscher und Sonne. Später, nach nur einem weiteren Kilometer oder so, war es ein Ehepaar gewesen, dass mich auf seine Terasse geladen hatte, zu Kaffee und Keksen. Sie war LMBV-Mitarbeiterin gewesen, er Tischler. Sie hatte mich gehört und mir über die Hecke zugerufen. Ich aber hatte ihm zugerufen – ‚Hallo‘, ‚Hallo!‘ – aber er hatte seiner Heckenschere gelauscht. Wir redeten über wandern, über Kinder, wo die Wege lang führen. 1974 hatte er die Tischlerei vom Vater übernommen. Mit einer neuen Hüfte 2007 gab er sie seinem Sohn weiter. Die Frau war einmal in Jena gewesen, zu einem Klassentreffen auf einem Berg, und einer Floßfahrt auf der Saale. Ein Wespennest hatte er am Vormittag abgeschnitten, in einen Eimer getan, und hinter die Büsche gestellt. Erzählt hatte er: ‚Mensch, als junger Mensch muss man doch gucken!‘ Ja, genau, das ist wichtig. Sinnliche Erinnerungen an den Kohleabbau hatten sie während unseres kurzen Treffs nicht, die Geräusche der Bagger waren vergessen. Nur das Detail, dass ein Düsentriebwerk während eines Winters in den Tagebau oder sonstwohin gestellt wurde, und die Abluft, also der heiße Strahl, auf die Waggons mit der festgeforenen Kohle gerichtet wurde, damit diese sich löst. Das ist zum Narrativ geworden, in fast jeder Dokumentation wird es erwähnt. Der LMBV-Katalog, den mir die Frau gezeigt hatte, offenbarte die nun offenkundige Haldenlandschaft der ganzen Region. Im Buch noch kahl und aus der Vogelperspektive, waren jetzt alle bewaldet. Dann hatte sich mit dem Weitergehen das Wetter zum Diesigen hin verändert, dann die letzten Kilometer zum Mann am Zaun.

***

Der nächste, dritte Morgen, zeigte sich motorisiert und lärmend, weil ich an neuen Ausfall- und Umgehungsstraßen, die auf der Karte noch nicht verzeichnet waren, entlang musste. Es war alles Bergbaugelände, durch das ich ging. Überall waren Überreste von Schienenstrecken in Form vom Schottersteinen oder Dämmen. Absetzbecken, die gerade noch ausgebaggert werden, inmitten von kohleartiger Erde, die die Hände einfärbte und im Wind zerstaubte, wenn man sie zwischen den Fingern rieb. Von Dutzenden Brikettfabriken habe ich an diesem Tag gelesen, die insgesamt in der Gegend errichtet worden waren. Habe Fotografien von 1930 gesehen, auf denen mit moderner Technik das bis zu 100 Meter dicke Flöß abgebaut wurde. Infos zu den ersten Abbaumethoden aus dem 18. Jahrhundert. Bilder der abgebaggerten Orte, sogar mit Straßenbahn von Merseburg aus, die das Geiseltal befuhr. Bilder riesiger Industriegebiete bei Braunsbedra und Mücheln, die heute nicht mehr sind. Am nun letzten Tag klapperte ich das Besucherzentrum am Geiseltalsee ab, sah mir einen Film über die Renaturierung der gesamten Landschaft an. Dann ging es zur ‚Pfänner Hall‘ mit einer Ausstellung über Berg- und Tagebau. Und stauend hörte und las ich, wie viele prähistorische Tiere und Fundplätze und Skelettreste in den Gruben gefunden wurde. Ich vergaß die Zahlen wieder, aber es waren Dutzende Elefanten und nochmal Dutzende andere Tiere. Eines war ausgestellt in der Halle neben den Lese- und Bilderwänden, und drehte sich langsam vor einer Akustik aus Brüllen, Stampfen und Rufen anderer Tiere. Mehrere Stunden waren nun schon ins Land gegangen und in mir hatte sich das Bild der Mitteldeutschen Braunkohlenlandschaft verdeutlicht, ja überhaupt erst gebildet – wenn ich noch an meine ersten Blicke von den letzten Hügeln hinter Freyburg aus dachte. Entlang von Halden, am Geiseltalsee entlang, überholt vom Ordnungsamt und später einer Securitytruppe, strebte ich Richtung Merseburg. Imbiss und Schnack an einem Kiosk vor Verlassen des Ufers. Und nochmal ein Zusammenfassen der Umweltsünden der letzten Jahre im Gespräch. Über den benachbarten Quecksilbersee, wie er im Volksmund genannt wird, weil das Leunawerk dort jahrelang seine ungefilterten und giftigen Brühen entsorgte. Heute wird er noch belüftet, ausgebaggert wurde er nie. Es ging über das Versenken von Müll, über die steten Müllränder am Grubenrand, dann über den Kiosbetrieb des Besitzers und einige seiner Wege im Leben. Nach zwei Zigaretten und einem Kaffee gings weiter. Nach Merseburg ein Radfahrer, mit dem sich genüßlich reden ließ im schnellen Schritt. In Merseburg das Abschiedsgeschenk der Tour, als ich in einem Ruinengelände, das ich anfangs für einen LPG-Überrest hielt, umherstreifte. Schon im Vorfeld, in einer sumpfigen Niederung der Geisel, hatten wieder alte Müllberge in Tümpeln gelagert, dazu große alte Knochen von Tieren und anderes. Vielleicht hatte ich deswegen gedacht, in einer ehemaligen LGP zu stehen. Mehrere Gebäude waren geschliffen worden, Ruinenhügel aus gebrochenem Stahlbeton und Fließenresten. Offene Gullideckel, Dachreste, Holzreste, Dachpappe. In der Wiese musste es auch ausgesehen haben, aber ich ging nicht hinein. „Ja, krass. Echt abgefahren, und der Rest ist hier alles schon geschreddert irgendwie, und liegt da auf einzelnen Haufen, und soll dann wahrscheinlich irgendwann mal abtransportiert werden. Gleich daneben, in Richtung, eh, was ist es – Westen quasi, ist ein Solarpark. Und natürlich sind auch noch Müllberge mit aktuellem Müll dabei. Ach. Klamotten. Plastemüll. Ganz neu. ‚Ja‘-Flaschen. Ajax, eh eh, Plastebeutel aller möglicher Art. [liest:] ‚Auf- Hutfabrik Lager. Max Dädädä.‘ [deutlich:] Ey das ist ja steinalt hier. Alter Schalter. Was? Was steht da? ‚Fabrik und Lager aller Sorten. Filz- und Seidenhüte. Deutsche Industrie.‘ Das müsste man sich ja fast mitnehmen. Krass. Wo haben sie denn das? Hergezaubert? [wühlt] Boah. Ein alter Zylinder. ‚Modefabrikmarkt.‘ Ich mach mal noch ein Foto dann. [wühlt] Das scheint reingefallen zu sein. [.] Ein Zylinder. Tatsächlich. ‚Hutfabrik und -lager. Neueste Mode. Hutindustrie. Max Kirsten. Königsstraße 14 in Chemnitz.‘ Die Schachtel ist schon ziemlich vermaledeit, aber ich überlege ob ich den Zylinder und die, ehm, den Dings mitnehme. Hier liegt noch ein Bettbezug rum, so wie ich selber mal einen hatte. Krass, und Minis vom Schwein, vom Rewe. Wird man dass schon alles auf den Bildern sehen. Heftig, heftig! [lacht] Guck, ich hab einen Zylinder, nicht schlecht. […] Ja, ansonsten noch ein paar Gullys, die offen sind. [geht] […] Ja, ein unterkellertes Gebäude, vielleicht wissen die vom Chemiemuseum, was das mal gewesen ist.“ Den Zylinder nahm ich mit und vermachte ihn in den Folgetagen einer neuen Generation, die gerade entstanden war. Na dann, bis bald auf dem Weg, auch mal ein paar Tage hintereinander!

 

 

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