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Gespräch in Bewegung. Update 2018.

Seit 2016 gehen Jenaer Bürger zusammen mit mit dem WeltRaum Jena und uns auf Spaziergänge und Wanderschaft, und kommen auf eine neue Art miteinander ins Gespräch. 

 

Gemäß unseren aktuellen Draußenseinbedingungen sind die Gespräche in Bewegung eine perfekte Plattform für ein tolles Event, das Spaß, Freude, ebensgenuß, gutes Essen, Erholung und Wohlgefühl miteinander verbindet. Der folgende Text dient der Erklärung, warum dies so ist.

 

  1. Einleitung
  2. Menschliche Landschaft im Innen und Außen
  3. Der Mensch in der Natur
  4. Natürlichkeit und Multiperspektivität
  5. Gehen als Alltagsbruch
  6. absichtslose Aufmerksamkeit
  7. Gesamtheit Landschaft
  8. Unaufhaltsamkeit des Voranschreitens
  9. Ein Gespräch in Bewegung
  10. Aufbau und Durchführung
  11. Kooperationen / Partner

 


1. Einleitung

Dass Themen der Integration von Flüchtlingen und Veränderungen der Gesellschaft immer wieder und überall verschiedentlich besprochen werden, ist bekannt. Der WeltRaum Jena geht dies auf verschiedene Arten an: Jobberatung, Teestunden, Kochabende, Unterstützung in juristischen Bereichen, usf. – und es wird auch auf besondere Art Spaziergegangen: im Gespräch in Bewegung.

Lebenswege von Individuen und Gesellschaften unterliegen einem ständigen Wandel. Im einfachen Draußensein in Natur und Kulturlandschaft, mit Picknick, lockerer Unterhaltung und teilweiser Moderation, lernen sich Einwohner und Hinzugezogene, Verwurzelte und Geflüchtete, kurz: Menschen allen Alters und Berufes, aller Herkunft und aller Hintergründe kennen.

2. Menschliche Landschaft im Innen und Außen

Menschen treffen während eines mehrstündigen Aufenthaltes im Naturraum auf eine andere Art zusammen als in Räumen der realen Alltags- und fiktiven Medienwelt. Eine Assoziation verhilft zum Verständnis: Menschen kommen und bestehen aus Landschaften.

‚Hast du je Landschaftsbilder von Isaak gesehen? Wenn du seine Landschaften siehst, kommt’s dir vor, als ob du vor langen Zeiten dort und durch den Birkenwald in einen blauen Frühling hineingegangen wärest; in der Kindheit vielleicht oder in einem früheren Leben. Weißt du, daß Isaak nie einen Menschen malte? Manche nennen ihn deshalb menschenfeindlich. Falsch, ganz falsch, er malte ja Landschaften; die Menschen bestehen und kommen aus Landschaften.’“

(Strittmatter, Erwin: Der Wundertäter. Zweiter Band. 4. Aufl. Berlin/Weimar: Aufbau, 1976. S. 253.)

Denken wir es weiter: So, wie Landschaft erst aus unserer kulturell geprägten Wahrnehmung von Natur entsteht, entstehen Menschen aus ihrer Biographie, ihren Erfahrungen, Weltsichten und Absichten, ihrer Herkunft. Dies kann man im gehen und sprechen, nachdenken und essen im Naturraum auf besondere Weise erschließen.

Wir tauchen in die Landschaft unserer Stadt und Umgebung ein, als Eingesessene begierig auf das Ausklinken aus dem Alltag, als Hinzugekommene neugierig auf die hießige Lebenswelt, und alle insgesamt darauf, den und die anderen kennenzulernen.

In der realen und kulturellen Landschaft der Natur werden erzählen wir so von den Landschaften in uns. Aber warum ist das so, was geschieht da?

3. Der Mensch in der Natur

Bekannt ist, und seit den 80er Jahren des 20. Jh. zunehmend erforscht, dass Bewegung in der Natur gesundheitsfördernd ist und die körperliche und seelische Fitness kräftigt. Die positiven Effekte der Natur lassen sich mit dem Vergleich von Herzaktivität, Muskelspannung oder Hautleitfähigkeit belegen, auch existieren Studien über kürzere Regenerationszeiten und geringeren Medikamentenverbrauch nach körperlicher Krankheit oder Verletzung – schon beim Sehen von Naturbildern. Sich im Naturraum bewegende Menschen verfügen i. d. R. über ein positiveres psychisches Grundgefühl, bessere Selbstkonzepte und empfundene Selbstwirksamkeiten.

Quellen (Auswahl):

  • Bundesgesundheitsblatt 1/2012.

  • Landschaft und Gesundheit: eine Veranstaltung des Landschaftsverbandes Rheinland, LVR-Fachbereich Umwelt, in Zusammenarbeit mit der Thomas-Morus-Akademie Bensberg und dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, zugleich: 19. Fachtagung des LVR-Fachbereichs Umwelt, 13. bis 14. November in Bensberg. Tagungsdokumentation. Pflaum, Martin. Köln : Selbstverl. des Landschaftsverbandes Rheinland, 2010.

  • Abraham, Andrea; Sommerhalder, Kathrin; Bolliger-Salzmann, Heinz; Abel, Thomas: Landschaft und Gesundheit. Das Potential einer Verbindung zweier Konzepte. Bern: Inst. f. Sozial- und Präventivmedizin, Abt. Gesundheitsforschung, 2007.

  • Veröffentlichungen von Rainer Brämer.

4. Natürlichkeit und Multiperspektivität

Weil ein Naturraum nicht auf Alltagshandeln angelegt, eben kein geplanter und erschaffener Raum ist, sind seine Hauptmerkmale unnachahmliche Vielfältigkeit, Unfokusiertheit und Unwill-kürlichkeit. Farben, Gerüche, Anordnungen, Formen sind um ein Vielfaches höher als die einer künstlich geschaffenen Umgebung unserer alltäglichen Arbeits- und Wohnplätze. Die hundert-tausenden Äste, Blätter, Büsche und Bäume, Schattierungen, Farben, die in den ersichtlichen ersten bis hundert Metern um uns herum stehen, dazu geologische Ausformungen im Umkreis mehrerer Kilometer, bilden einen größeren Raum mit einer unfassbaren Auswahl an fokussierbaren Eindrücken und Perspektiven. Das ästhetische Empfinden wählt frei aus Tausenden Angeboten, je nach Laune und biographischer Verfassung.

5. Gehen als Alltagsbruch

Dazu kommt eine quasi artgerechte Beanspruchung des Körpers und Geistes, einschließlich der natürlichsten Fortbewegungsform, dem Gehen. Das Gehen als solches und an sich ist zum einen derartig alltäglich, dass es nicht beachtet wird, und andererseits fast verschwunden. Ungefähr 20-25 % der Kosten aller Krankheiten können auf mangelnde Bewegung zurückgeführt werden. Weil es nicht alltäglich ist, kann der Mensch beim Gehen im Naturraum in einen Zustand der Liminalität versetzt werden: also in einen Schwellenzustand oder Zwischenraum geraten. Zudem ist es kulturgeschichtlich mit Gefühlen des ‘Aufbruchs’ und ‘Unterwegssein’ konnotiert.

6. absichtslose Aufmerksamkeit

Außerhalb seines Alltags und umgeben von einer unwillkürlich geschaffenen Auswahl erlebt der Mensch eine absichtslose Aufmerksamkeit und findet mentale Erholung. Mit anderen Worten: Gesund macht, was die Freiheit der ästhetischen Wahl lässt. Gleichzeitig, sein kulturelles Gedächtnis mitbringend, bringt er bewusst und unbewusst die einzelnen Elemente der Umgebung in eine alles einschließende Beziehung. Eine Landschaft entsteht.

7. Gesamtheit Landschaft

Wenn wir solch eine im Blick haben und als schön empfinden, dann vereinigt sie immer mehrere, teils gegensätzliche Prinzipien. Sie ist geordnet und damit einsehbar, somit lesbar und vorhersagbar. Gleichzeitig beinhaltet sie genügend uneinsichtige Bereiche und verdeckte Elemente, die sie insgesamt komplex und einfach, überschaubar und geheimnishaft wirken lassen. Ähnliches widerfährt dem seelischen Haushalt: Widersprüchliches, Lebensabfolgen, Gefühlslagen und Selbsterklärungen werden dauerhaft vereinbarer und annehmbarer.

8. Unaufhaltsamkeit des Voranschreitens

Schließlich führen die genannten Faktoren mit der Unaufhaltsamkeit im Gehen, dazu die jeweiligen Erfahrungen der eigenen Biographie, und die allseits unterschätzte Macht der menschlichen Phantasie dahin, dass man sich selbst ständig assoziativ im Raum und auf dem Weg verortet. Unangestrengt kann man die Welt und ihre Begebenheiten durchdenken, sie verstehen und sich positionieren, sich verstehen, und äußert dies im Gespräch über die kulturwissenschaftlich bezeichneten Formen des alltäglichen und biographischen Erzählens. Die Natur um uns ist ein Psychotop, nutzen wir es!

9. Ein Gespräch in Bewegung

Ein Gespräch in Bewegung und im Naturraum unterscheidet sich zu der sitzenden oder stehenden Gesprächsführung in geschlossenen künstlichen Räumen. Beim ersteren führen die unwillkürlich und als ästhetisch wahrgenommenen Ablenkungen des Naturraumes zu anderen Gesprächs-verläufen, einer veränderten Neuaufnahme von Perspektiven, einem ausgedehnteren, entzerrteren und ausgeglicheneren Durchdenken der gehörten Gesprächsinhalte und der artgerechten Beanspruchung der Physis und Psyche.

Jedes Gespräch im Naturraum wird andauernd durch emotional angenehm empfundene äußere Umstände unterbrochen und aufgelockert. Pro Minute nimmt jeder Teilnehmer Dutzende, manchmal nur augenblickshafte, angenehm wirkende Naturphänomene wahr, und dieses positive emotionale Stadium der Teilnehmer wird durchgehend auf einem höheren Level gehalten. Das Wechselspiel aus Ablenkung und Heranführung an das Gesprächsthema und die anderen Personen, die willkürlichen und unwillkürlichen kommuniktiven Pausen führen zu erhöhtem Assoziationsvermögen und Verarbeitungszeiträumen. Durch die zeitliche Streckung der Fokussierung auf die Gesprächsinhalte wird die Kommunikation entspannter und damit gewaltärmer. Verstärkt wird dies zusätzlich durch die Gehbewegung. Pausen im Gesprächsfaden und physische Abstände in der Körperhaltung zwischen Redenden entstehen zufällig und können nach Belieben angepasst werden. Wie oben erwähnt sind die physischen und psychischen Prozesse des im Naturraum Gehenden positiv aufeinander abgestimmt, Kreislauf und körpereigene Systeme arbeiten in passenden artgerechten Rhythmen. Die mittels projektiver Identifizierung aufgebauten Spiegelungen des Gefühls in der Außenwelt erfahren durch die unwillkürliche Entspannung in Fokus und Kraftaufwand eine angenehm empfundene Dämpfung und forcieren den Effekt des oft so genannten Fundes eines inneren Friedens.

Es entsteht eine höhere Empathiefähigkeit: durch den Wechsel von Enge und Ausblick, Licht und Schatten, Erschöpfung und Erholung. Eigene emotionale Anspannungen durch biographische Erlebnisse und Gesprächsinhalte werden durch die erwähnte Entzerrung der Fokussierung, das ästhetische Gefühl, die Dämpfung emotionaler Spitzen und die körperliche Bewegung besser ausgehalten, aufgefangen und abgebaut.

So wird deutlich, dass der Mensch über Metaphern des Bewegens deshalb so gut beschrieben werden, weil er ein Bewegter ist, ein ‘homo viator’: ein ständig bewegter, fast ständig unterwegs Seiender, ein Eigen- und Fremdbewegter, ein Zielgebundener.

10. Aufbau und Durchführung

Empfohlen ist ein Mindestaufenthalt von zwei Stunden gehen und Picknick von mindestens einer Stunde – mindestens drei Stunden Veranstaltungsdauer insgesamt.

Der Weg ist grob vorgegeben und variiert je nach Gruppenvermögen und Wetter. Empfehlenswert ist es, einen für alle unbekannten Teil an Wegstrecke einzubauen.

Der Ort des Picknicks wird spontan und durch die Gruppe während des Gehens ausgewählt.

11. Kooperationen / Partner

Für Firmen, Vereine und Institutionen ergeben sich nützliche Synergieeffekte, so in der Unterstützung der jeweiligen Arbeit durch Vernetzung und Kommunikation, der Unterstützung einer positiven Lebensführung beteiligter Mitarbeiter, der Kostenfreiheit des Formats ‚Gespräch in Gewegung‘ und eventueller weiterer Effekte aus der Arbeit des Flüchtlingsfreundeskreises. Als Gegenleistung für den Flüchtlingsfreundeskreis wird gewünscht, das Angebot ‚Gespräch in Bewegung‘ in den Kommunikationskanälen des Partners zu bewerben, und Namen und ggf. Kennzeichen oder Logo für Zwecke der öffentlichen Präsentation zur Verfügung zu stellen. Absprachen zur Verwendung und weitere Kooperationszwecke bedürfen ggf. der Schriftform.