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In Saalfelds Paradiesen. Landschaftliche und seelische Explorationen.

Die Gespräche in Bewegung sind Teil des Projektes PARTHNER des Heimatbund Thüringen e. V.

 

Es war spannend. Als wir uns in Saalfeld auf dem Bahnhofsvorplatz trafen, schauten wir in die Karte. Was konnten wir sehen? Wo wollen wir hin? Klar kann man erkennen, was ein Weg ist und was eine Straße, aber was sagt das über Landschaft und das Gefühl, wenn ich dann dort sein werde?

Saalfeld wird von der Saale und einem Eisenbahngleis durchschnitten, das erste hört man am Namen, und beides mussten wir berücksichtigen. Wir einigten uns, den Fluss etwas in den Süden zu folgen, um ihn dann auf der Höhe zu überqueren, wo anschließend eine Unterführung unter den Gleiskörper möglich ist. Ferner wollten die meisten von dieser Tour diesmal keine Gesichtsbilder veröffentlichen. Und dann, beim Weg wieder, einfach auf die Höhe zu steigen. Um zu sehen, wie alles aussieht. Wir sind ja Neulinge in Saalfeld! Und so wussten wir nicht: es waren alles Schlachtfelder, auf denen wir liefen. Der Flurname ‚Schwedenschanze‘ verriet es später. Und Infotafeln auf dem Berg. Am Geländemodell sieht man aber nichts Markantes. Die verwachsenen und verbuschten Inseln könnten auch aus Steinsammlungen oder unfruchtbaren Felsentblößungen entstanden sein.

Der Weg an der Saale in einem unbekannten Terrain ist schön. Wir trafen durch Zufall auf ein Sportfest und ein Pferdereiten, und ein Kind unserer Gruppe ging gleich ein paar Runden in den Sattel. Dann wurde es warm, aber auf dem Aufstieg trafen wir eine redselige Rentnerin und eine zunehmende Fernsicht. Saaleabwärts im Norden sahen wir bis Rudolstadt und ins Seitental bis zur Greifenburg, und auf der anderen Seite ins Orlatal hinein. Zwar waren dort eine riesige Halde von der ehemaligen Stahlindustrie zu sehen, aber das ist je gerade spannend! Überall werden immer nur Ikonen der Natur gezeigt, in immer gleichen Texten und immer gleichen Bildern von lachenden Menschen. Jeder weiß doch, dass es anders ist. Dass die Realität auch Sorgen und Tod beinhaltet, ständig, minütlich und unermüdlich. Der eine Wandergast hatte schon erzählte, dass sie die verwitwete Nachbarin mit in den Urlaub nehmen, die nächste hatte die Woche zuvor berichtet, wie ihre Mutter Krebs bekommen hat. Die jüngste hatte schon ihren Großvater auf dem Sterbebett gesehen, und so weiter. Es gehört genauso zum Gehen und Reden dazu wie ein landschaftlicher Blick, oder freudestrahlende Gesichter bei der nächsten Naturschutzwidmung einer verwachsenen Altlastenfläche, deren Inhalt vergessen ist. Es gehört dazu, dass in der ganzen Landschaft Müll herumliegt. Eine weitere Deponie sahen wir auch prompt am gegenüberliegenden Hang, die Dame auf dem Weg bestätigte unsere Vermutung.

Oben, am x-ten Aussichtspunkt, wir waren auf einem einzigen Aussichtsweg!, dinierten wir. Im Schatten wurden geröstete Kerne und Salate gereicht, wieder auf schönen Decken angerichtet, daneben Brote und Aufstriche, sahnige Dipps und geschnittenes Gemüse. Mit den Blicken ins Tal und im Kopf die Geschichten hörend, die jeder erzählte, schmausten wir in Saalfelds Paradiesen. Und irgendwann gings wieder runter, zum Zug, heim, und alles war gut. Schön! Bis bald auf dem Weg!

 

Fotos: Lars Polten.