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Industriezonen einer Stadt. Konversionsspaziergänge in Glauchau.

 

Jeder Ort hat eine Geschichte seiner Entwicklung. Sie findet sich in den Biographien der Bewohner, der Architektur, den Wegen, dem Stadtgrün, sie ist codiert im Wertesystem, sie lässt sich aus der umgebenden Kulturlandschaft erschliessen, und sie ist überall anders. Städte in Mitteldeutschland weisen einen hohen Grad an Veränderung auf, ihre Geschichte der letzten Jahre ist geprägt von tiefgreifenden Veränderungen, die wir auf den Konversionsspaziergängen sehen. Es gibt Dinge, die als schlecht beurteilt werden. Dies mag mancher aus den Worten hier lesen werden, es soll aber nicht so sein. Unverstellte authentische Geschichte ist angenehmer als geputzte Gehsteige. Sie ist ehrlicher und bietet noch Potentiale zum Guten.

 

Glauchau auf Bildern früher: riesige Werke, die am dampfen waren, Tausende Beschäftigte, Dutzende Schornsteine und Essen. Und heute: abgedeckte Deponien, Neuansiedlungen, am Bildrand manchmal Verfallenes, ungewöhnliche Freiflächen in der Stadt. Beim Blick auf die Karte: umgeleitete Flüsse, Sukzessionsflächen und industrielle Brachen, ehemalige Gleisanlagen. Wir sind diesmal in eine Gegend gefahren, die ich als Kind nur vom Gestank an der Autobahn kannte. Wegen der immensen Textilproduktion vor Ort. Immer schon faszinierte mich der Gedanke, diesen Ort heute kennenzulernen.

Glauchau wirkt heute anders. Der Gang aus dem leeren Bahnhof, ein Parkplatz und Vorplatz und eine Straße daneben. Kopfsteinpflaster, bis hoch ins Zentrum. Wir bleiben stehen und drehen uns im Kreis, langsam alles mit den Blicken abgehend, wie schon auf dem Bahnsteig. Da hinten am Horizont eine abgedeckte Deponie. Große Industriegebäude, mit neuen Farben, aber auch Grün, Felder, wieder Grün. Okay soweit. Blick auf die Liste, innerlich, und dann ein Gang durch die Unterstadt, dann zur Unterkunft.

Ein paar Stunden später ist mein Gehör etwas vom Pflasterrattern der Reifen lädiert. Hektarweise, auch leere Industriegebäude haben wir gesehen, viele leere Häuser, viel Hausrat und Sperrmüll in den Gebäuden – aber auch viel sanierte Bereiche, neue Fassaden. Staunen wir auf der einen Seite, wie manche Gebäude gesichert sind, oder wie andere komplett umgrünt getarnt, leerstehend, verfallend, sich allen Blicken entziehen, sind wir auf der anderen Seite umgeben von einer belebten Stadt, in der sich viel verändert hat. Wir fragen einen Mann, der gerade handwerkend eine Mauer verputzt, und er meint, na ja, so richtig tut sich nichts. Er ist Glauchauer, 20 Jahre war er skaten (gemeint ist das Kartenspiel, „schkaten“) in der Kneipe, wo wir wohnen werden. In den anderen Städten, Meerane und Zwickau, soll es ähnlich sein.

Später, nach dem Einchecken und dem Weitergehen, wir sind schon erschöpft vom heißen Tag, suchen wir ein altes Kindererholungsheim in einem Waldstück. Auf Meßtischblättern bis 1945 ist es noch da, auf heutigen nicht mehr zu sehen. Anderthalb Stunden kurz ist der Weg, hinweg über das alte Übungsgebiet der GSSD/WGT und noch ältere der Wehrmacht, und wieder mit alten Abfallresten in Gruben am Wegrand: Wellasbest und Metallschrott. Obst am Wegesrand, und Überreste eines Munitionslagers im Wald. Ob man es später für eine Wallburg halten wird? Der Weg jedenfalls ist einem altem Wirtschaftsweg nachempfunden, aus der Zeit vor dem Militär. Nachgestellte Landschaft und ausgestorbene Wirtschaftsweisen werden gern gepflegt und beschildert, das Asbest nicht (man findet es wirklich überall in der Republik). Im Wald hinter dem Forsthaus dann eine Wegkennzeichung: ein Elise-Schmidt-Weg sei das hier, mitten im Wald. Eine Wohltäterin aus Glauchau, Geburts- und Sterbedaten, sonst keine Infos. Wir forschen die Wege entlang: ein verfüllter Gulli, ein oben offenes gemauertes Viereck unbekannter Nutzung, weiter im Wald Überreste einer kleinen Hütte mit Keller darunter. Abseits eine verteilte kleine Müllhalde, Geschirr, viel Glas, Kaputtes. Dutzende kleine Fläschchen wie von Parfum. Rückzu in der Stadt staunen wir über die mangelhafte Einhaltung der StVO. Sprungweises Vorarbeiten zu einem Bistro, Essen, und ein abschließender Gang, zur beginnenden Nacht, in anderen Vierteln der Stadt. Es wird Schuleinführung gefeiert, und die Feuerwerke steigen in den Himmel.

Bis zur Mittagszeit des Folgetages haben wir noch viel erkundet, und noch mehr gefragt. Dass auf dem Übungsgelände noch Müll liegt, das wird nicht gewusst. Aber ein Gang nur drei Meter in jede beliebige Schonung oder Bodenfalte – und schon habe ich die Hände voller Essgeschirr, Emailtassen, leeren Konserven, Flaschen. Es gibt wohl keine Wahrnehmung dafür, und auch das ist überall dasselbe. Eine andere Einwohnerin erzählt von dem Wohnen der letzten Jahrzehnte im Ort, ein anderer berichtet beim Eisessen, wie sie in den 70er Jahren aus der Wohnung gegenüber auszogen – auf die wir alle blickten. Sie besuchen den Ort jedes Jahr, wohnen nun in Chemnitz, und die Deponien im Umland, die man sehen kann, nun, das sind eben abgedeckte Hausmülldeponien von früher, sagt er auf meine Frage. In Richtung Meerane habe es eine gegeben, da sei in regelmäßigen Abständen Altöl entsorgt worden. Einfach so in den Boden gelassen, habe ein Bekannter erzählt. Nächste Frage nach den Flächen im Zentrum – ja, dort haben früher überall Fabriken gestanden, alles sei rückgebaut worden. Noch dies und das erzählt er, und zum Abschluss, dass sie eh das Sizilien der Republik seien. Wie, warum? Na den Anschluss werden sie nie ganz schaffen. Es ist zwar was gemacht worden, und ein bisschen Industrie und anderes gebe es, aber sie werden nicht mehr eine gleichwertige Region in Deutschland werden. Dazu ist zu wenig vorhanden, und viele mafiöse Zustände gebe es auch.

Ein Blick in den Schlosshof, ein Ziehen am geschlossenen Schlosstor und ein Winken in eine Kreativwerkstatt, zu der wir freundlich aufgefordert werden, beschließt den Tag. „Das Sizilien der Republik“ geht mir durch den Sinn. Gern hätte ich noch länger geredet, mit Dutzenden Menschen. Jeder Ort hat eine Geschichte seiner Entwicklung. Sie findet sich in den in die Biographien der Bewohner, der Architektur, den Wegen, dem Stadtgrün, sie ist codiert im Wertesystem, sie lässt sich aus der umgebenden Kulturlandschaft erschliessen, und sie ist überall anders. Städte in Mitteldeutschland weisen einen hohen Grad an Veränderung auf, ihre Geschichte der letzten Jahre ist geprägt von tiefgreifenden Veränderungen, die wir auf den Konversionsspaziergängen sehen. Es gibt Dinge, die als schlecht beurteilt werden. Dies mag mancher aus den Worten hier lesen, es soll aber nicht so sein. Unverstellte authentische Geschichte ist angenehmer als geputzte Gehsteige. Sie ist ehrlicher und bietet noch Potentiale zum Guten. ‚Sizilien der Repunblik‘ ist vielleicht ein passendes Sprichwort, aber eben nur das: es wird gesprochen, und gehandelt wird meist anders. Bis bald auf dem Weg.

 

alle Bilder: Lars Polten