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Landschaft. Eine Ikone der Naturdarstellung.

 

Der Mensch bringt alle Informationen seiner Umgebung in ein Beziehungsgeflecht, und ordnet alles in Gruppen und Kategorien. Er ordnet und sortiert alle kleinen und großen Räume um sich herum, und gibt allen Räumen Namen. Vom Wohnzimmer über die Wohnung und das Haus, von Weg über Waldkante oder Wiese. Aus Umweltausschnitten entstehen so Landschaften, aus Umgebungen werden mentale Karten, aus Erfahrungen werden Biographien. Immer und unbewusst bringt der Mensch alle Elemente seiner Umgebung, weil er es so von klein auf gelernt hat, in eine alles einschließende Beziehung.

Wenn wir eine Landschaft erblicken und als solche wahrnehmen, haben wir unbewusst schon meist entschieden, dass sie schön ist, dass sie uns gut tut, und sind deswegen stehen geblieben. Oder haben den Fotoapparat rausgeholt. Der Terminus und die Kategorie „Landschaft“ ist eine kulturelle Leistung. D. h. dass wir sie nur erkennen und so benennen können, weil wir sie als solche wahrnehmen können; in den allermeisten Zeiträumen der menschlichen Geschichte war landschaftliche Schönheit egal, allenfalls Nebensache. Heute haben wir Zeit und Ressourcen genug, um uns anderen Dingen als dem Broterwerb, also auch der Landschaft, widmen zu können. Die reellen Gegebenheiten der Natur waren schon immer da, auch wenn sie nicht so wie heute benannt wurden, sondern in religiöse Erklärungszusammenhänge eingebunden waren.

Heutige „Landschaft“ ist fast durchweg positiv: sie wirkt positiv auf uns oder wir können positive Folgen ihres Wahrnehmens spüren. Auch wenn es manchmal unästhetische Erkenntnisse sind. Es gibt die Theorie, dass in der europäischen Kultur im 19. Jahrhundert gerade über die Kunst (Gemälde, Erzählungen, später auch die Eisenbahn usw.) der panoramatische Blick gebildet und vermittelt wurde. Tatsächlich gleicht auch jedes Landschaftsbild häufig einer Bühne, mit Rahmen, Begrenzungen, Tiefen. Solche Wiederholungen sind typisch für Wahrnehmungsmuster in der menschlichen Erfahrung: irgendwie erfolgreich anwendbare Muster werden immer wiederholt, übertragen und auf alles mögliche andere angewendet. Von Landschaften, da aus einzelnen Elementen angeordnet, spricht man dann überall.

Eine als schön und passend empfundene Landschaft vereinigt immer mehrere, teils gegensätzliche Prinzipien. Sie ist geordnet und damit einsehbar, somit auch lesbar und vorhersagbar. Gleichzeitig beinhaltet sie genügend uneinsichtige Bereiche und verdeckte Elemente. Insgesamt wird sie so als komplex und einfach, überschaubar und geheimnisvoll empfunden. Es ist wirklich erstaunlich, und man kann den Test überall machen. Willkürlich festgelegten Umweltausschnitten, die man als nicht schön oder ästhetisch empfindet, fehlen einzelne oder mehrere der genannten Elemente. Sie sind dann ohne Aussicht, oder mit zu wenig Horizontlinien, oder haben zu wenig Struktur. Man bleibt nicht stehen, vergisst sie, oder nimmt sie gleich nur unbewusst wahr, ohne sich im Tun zu unterbrechen.

Landschaft und Ausblick gehört zu den Ikonen der Naturdarstellung. Neben den Elementen der Farbe ‚Grün‘, des Blattes oder Grases, der ‚Rinde‘ mit der Farbe ‚Braun‘, dem Abbild eines Weges gehört Aussicht und Landschaft zu den meistgedrucktesten Bildern, wenn man über ‚Natur‘ spricht.

 

Titelbild: Lars Polten