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Mitteldeutschland, ich mag Dich!

Weil Du Dich zeigst, wie Du bist! Mit allen Wahrheiten und Baustellen.

 

 

Durch gleißende Hitze, tote und lebendige Dörfer, Gespräche und Lachen, durch Orte mit hunderten baufälligen und geschichtsträchtigen Häusern, durch das Elstertal mit Gasthäusern und Menschengeschichten und Gewitterfronten, an Tagebauen, Reichskriegsbeflaggung, an Bergbaufolgelandschaft und Badegelegenheiten vorbei, ging es wieder quer durch Mitteldeutschland. Quer durch unsere Kultur und Lebensweise. Am ersten Tag, als es in der Mittagshitze halb Eins los ging – und in einem Kokon aus Schweiß, Wärme und Konzentration – zertrat ich mir meine Fußsohlen. Am zweiten Tag heilte ich sie mit Einlagen aus Wegerich und Schafgarbe und stützenden Socken, und lernte in geringerer Temperatur endlich Land und Leute kennen. Der dritte Tag fraß Kilometer in gewohnter Manier, und froh und leutselig sog ich Erfahrungen, Bekenntnisse, Gedanken und Meinungen anderer auf. Das Gleiche am vierten Tag, durch die Bergbaulandschaft hindurch, und mit der Erregung des Glücks in Leipzig endend.


 

Von Jena über Laasan, Jenalöbnitz und Taupadel ging es durch das Gleistal Richtung Bürgel, zuletzt dann auf dem alten Bahndamm, der nun zu einem Fahrradweg ausgebaut einst die Saalebahn mit Eisenberg verbunden hatte. Ein lange nicht gesehener Freund in Eisenberg sollte das Ziel des Tages sein. Der Schweiß rann schon nach den ersten Kilometern in Bächen herunter, umkreiste die Brauen, hing an den Augenlidern, floss um die Augen herum. Den Jenzig gings rauf von Jena-Ost, und erst einmal verlief sich der Pfad zu einem Wildwechsel, also quer wieder auf irgendeinen Weg hin. In Laasan Landwirte auf den Wiesen, die Zäune abbauten, mit Kühen auf Weiden in unbeschreiblicher Hitze, und durch Fußtritte aufgewühlter Staub. Ich steckte in einem Kokon aus Hitze und Schweiß, und versenkte mich in meinen Körper hinein. Bemerkte nur kurze Bilder um mich herum, konzentrierte mich auf das schnelle und regelmäßige Setzen der Füße. Bemerkte, dass ich genau das einmal fühlen und erspüren wollte, und mir einen Wunsch und ein Bild erfüllt habe: das Gehen bei Hitze und Staub. Der Wind wird später die Aufnahme des Diktiergerätes bestimmen, und im Hintergrund wird das Schreiten zu hören sein. Die Vogelschwärme am Waldrand werden nicht zu sehen sein, nicht die Tropfen an den Augen oder die Federn in der Hand. Es ist der eigentümliche Rhythmus des Gehens eingetreten. Das regelmäßige Atmen, das Spüren des gleichmäßigen Pumpens des Herzens, die Flut der Bilder und Eindrücke. Der tiefer werdende Atem beim Bergaufgehen. Diese Regelmäßigkeit des steten Fortkommens. Das Finden des eigenen Ganges. Die mit der ständig wechselnden Perspektive wechselnden Gedanken. Und plötzlich, mitten aus dem Rhythmus heraus und bergauf, spürt man einen Schub noch mehr Energie, kommt Kraft, und man weiss nicht woher. Die Umgebung passt sich der Wahrnehmung an. Klingt egozentrisch, ist es auch, aber so wird es wahrgenommen. Das emotionale Innenleben findet immer eine Entsprechung im Naturraum, das ihm Genüge tut und es mildert oder verstärkt. Man wird ein Ganzes mit der Umgebung. Auf der Höhe des Hufeisens ist es eine Wespe, die magnetartig meinem Körper zustrebt, und mit Kamera, Wegestaub, aus dem Rucksack fallendem Hut und Gehampel werde ich dem Schrecken Herr.

An einem solchen Tag ist es besonders erfühlbar: man ist in sich drin, wie in einer Schale. In sich selbst. Beispielsweise nimmt man es so wahr – nicht lachen, geht jedem so, redet nur nicht jeder drüber: Der Weg ist das Leben, man selbst fühlt sich als das Leben, und alles, was gesehen wird, wem begegnet wird, diese Abstecher, sie sind Freundeskreise, Haltepunkte, Schnittstellen mit anderen Leben und Räumen. Auf dem Weg höre ich Musik. Sie hilft sich zu versenken, die Hülle zu schaffen, der Strenge der Temperatur und dem quasi weltlichen Körperregime zu entgehen, dass einen verlockt, innezuhalten oder zu bärmeln. Erst in Hainspitz, kurz vor dem Ziel des Tages, nehme ich die Hörer nach längerer Zeit aus den Ohren. Ich trete auf eine ältere Frau hinter einem Zaun zu, die vorher eine Enkelin an eine andere Frau abgegeben hatte. Um nach Wasser zu fragen. Ein lauteres Geräusch warnt mich, dass bald ein großes Fahrzeug die kleine Ortsstraße hinaufgefahren kommen wird. Wir reden und ich frage, und irgendwann wird mir klar, dass es kein näher kommendes Fahrzeug ist, sondern die Autobahn in der Nähe, die einen konstanten Schallpegel aus Autolärm in den Ort sendet. Die beiden kleinen Hunde der Frau kläffen, schauen mich aus gezüchteten Großaugen an und ich habe das Bedürfnis, sie gleichzeitig zu knuddeln und zu klopfen. Im Schleichtempo geht es an der Autobahn später entlang, und der Lärm auf dem Diktiergerät wird mich verwundern. An alten Liegenschaften vorbei mit maroden Häusern und Zäunen, verwilderten Grundstücken, doch schleiche ich schon mit letzter Kraft auf den wunden Fußsohlen in einem bleiernen Marsch, und verspüre keine Exkursion in Vergangenheiten. Der Nadelwald vor Eisenberg wirkt gerade mit den Autogeräuschen düster und langweilig, furchtbar. Manchmal sitzt du im Wald und denkst: boah ist das schön, bin ich glücklich. Und ein andermal: Mist, ist das eng hier… so unterschiedlich. Dann endlich Eisenberg, in der Küche eines Freundes. Er am Computer, schnell arbeitend, Zeitdruck. Einen Blumenkübel wollte er erst runter werfen, lachend. Fast leise bereite ich Essen zu, Zwiebeln brutzeln in einer Pfanne, Nudelwasser wird zum kochen aufgesetzt. In der Ferne ist noch die Autobahn zu sehen und zu hören. Ein Bier am Küchenfenster und im Hof, Handyaktualisierungen, WLAN-Zugang, Fußversorgung. Fertig saßen wir später und redeten bis weit nach dem Dunkelwerden, tranken Bier und schauten ein paar aktuelle Videos im Netz. Dann gings ins Gästebett. Im Schneckentempo geht es weiter am nächsten Tag. Ich analysiere meine Bedürfnisse und befinde, im eigenen Tun zu sein. Dann muss ich lachen. „Ja, so ist das. Ich muss langsam laufen. Die Stellen, an denen es gestern heiß wurde, da sind wirklich Blasen entstanden. Der Druck ist in den Arbeitsschuhen nicht gleichmäßig verteilt [sic!]. Das ist das Problem.“ An Hügelgräbern und vermückten Wäldern vorbei geht es aufs nächste Dorf zu. Der Gang durch die Landschaft mit der Kenntlichmachung der uralten Überreste vermittelt – so fällt mir erst nach einigem Nachdenken auf – Sicherheit. Das Gefühl eines Glücks durchflutet mich, wenn ich weiß, dass Hunderte und Tausende Jahre lang schon Menschen hier gelebt haben. Auch wenn mit ekelhaften Herrschaftsstrukturen, mit Unglück auch, und mit zwischenmenschlicher Gewalt, und auch doch mit Freude zu vielen Zeiten für die meisten. Es kann Sicherheit vermitteln, in Geschichte unterwegs zu sein. Etwas enttäuscht schaue ich später nach Etzdorf und einem kleinen Schnack mit einem Mirabellenpflücker die Karten durch, jede zeigt wieder etwas anderes. Es geht ins Elstertal rein, in der Ferne sind Zeitz und Gera, und nebenan Crossen zu sehen. In ein paar Stunden wäre man dort gewesen, wenn alles in Ordnung gewesen wäre mit den Füßen. Crossen als nächster Ort, und an einem malerischen Gebäude arbeitet ein älterer Mann an einem Holzspalter. Die Fensterrahmen und der alte Hauseingang wecken Neugier. Erst nach Wasser fragen, dann nach dem Haus! So ein bissel, dachte ich, verzieht er seine Augen. Er geht ins Haus, und eine Frauenstimme dringt durch die dünnen Fenster: was er denn wolle, es gibt nischt! Ein Wanderer frage nur um Wasser. Nein, es gibt nischt. Dann kommt er doch mit einer neuen Flasche vor das Haus, und meine weitere Frage, das Haus betreffend, wird gleich mit Grüßen zum Weiterweg abgekürzt. In Crossen am Marktplatz, mit den höher getürmten Wolken, und den ersten Donnern in der Ferne, ein Radler-Getränk. Der Kneiper setzt sich mit raus an den Tisch, Pause machen – nachdem er den Kartoffelsalat in der Küche fertig bekommen habe, erzählt er. Schweißüberströmt beginnen wir ein Gespräch über das Gastrogewerbe, trinken Radler und Wasser, ich hole Kuchen und Milch im Bäcker nebenan für den späteren Fußablenkedankeschönnachtisch beim Abendbrot. Es ginge so im Ort, erzählt er. Früher habe er ein Pub gehabt in Crossen, dann die Gaststätte übernommen, alleine. Seine Frau arbeitet in einem anderen Job. Eigentlich komme er nicht aus Crossen, und das merke er immer noch manchmal. Erstaunt hörte ich, dass er aus Wetterzeube kommt, was ja eigentlich zu Fuß nur ein paar Stunden, vielleicht auch nur zwei, weiter nördlich liegt. Urlaub gäbe es wenig, und wenn doch, rufen dann die Leute an, wann er endlich wieder auf habe. Man duze sich hier, und wir sagen nur ‚Du‘ zueinander. Das Essen lasse sich nicht kalkulieren, mal kommen 35 an einem Wochenende, mal 200 Leute am nächsten. Früher seien die Gäste regelmäßiger gewesen. Einwohner hat ja Crossen nur so 1400, und der Radweg verläuft in einiger Entfernung vorbei, da sieht man nicht gleich die Gaststätte. Und Sülze mache er selber. Ein weiterer Gast in Baukluft erscheint und trinkt zwei Bier, er fühle sich „völlig ausgehopft“, meint er, und es werden Anekdoten getauscht, und die Hände der beiden sind streckenweise fast nur in der Luft, weil sie fast jeden grüßen, der vorbei kommt. Ein weiterer Mann setzt sich an den Nebentisch. Als wir alle über das Wetter reden und Windhosen und anderes erzählt er, wie er mal zwei Stunden in seinem Garten festsaß, weil der Regen nicht aufhörte. Und dann war das Bier alle, vermutete der Kneiper, der andere verneinte, und das dieser Ernstfall nicht eingetreten sei. Und wir lachten alle. Ja, bierselig waren sie dort alle, oder fast alle, die mir am Wegesrand begegneten; und ich auch. Wir schließen eine Wette ab, dass der Kneiper doch nicht alle kenne, weil ein unbekanntes Nummerschild auftaucht. Aber auch die Dame, die damit erscheint, kennt er. Die werde er jetzt schimpfen, raunt er. Und sie ruft auch gleich nach den Aussteigen rüber: ob sie denn überhaupt kommen dürfe. Sie hatte ihren Tisch einen Tag zu früh bestellt. Sie durfte, setzte sich an den Nachbartisch und wartete auf weitere Damen. Einmal habe er sich nachmittags, gerade als das Stahlwerk zugemacht hatte, oder Schichtwechsel machte, draußen vor die Tür gestellt, um in Ruhe eine zu rauchen. Er sei aus dem Grüßen gar nicht mehr rausgekommen, der Arm nur am heben und senken, und da ging er wieder rein. Der Gast ergänzt, dass man ja schon grüßen müsse, sonst denken die Leute noch, man sei deppert. Weitere Frauen tauchen nach und nach auf, um ihren Kaffeenachmittag – aber es war ja schon bald abends – zu beginnen. Der Nachbar zur Rechten bestellte hausgemachte Sülze zum mitnehmen, der Gast in Baukombi fuhr nach dem zweiten Bier weiter in irgendein Haus, es sturmsicher machen. Das Radler war alle, ein weiteres kleines auch, und mit Wünschen und Grüßen und viel Trinkgeld brach ich auf. Später, nach einem immer langsamer gewordenen Gang zur Elster, lasse ich mich fußerschöpft und mit brennender Haut auf eine Bank nieder und beginne, Wegerich und Schafgarbe zu rupfen, verarzte ausgiebig die Füße, lege Bandagen mit Kräutern, forme ein weiteres Paar Socken zu Unterlegscheiben unter die Fußballen. Einigermaßen druckverteilt und kuchengestärkt, geht es unter Donnergrollen den Weg zum Sachsenberg aufwärts. Eine Gruppe Kleingärtner bei Bier und Gespräch berichtet von der Schutzhütte oben am Wald, im Hochwald sei sie, ja, und das ist gut, denke ich. Wenn der Blitz kommt, dann hoffentlich nicht gleich in mein Dach. Stürmig werden die letzten Kilometer, die Kuchentüte verfliegt, die Blitze im Westen und Osten sind zu sehen, aber das Wetter zieht streng nordwärts an diesen Tagen. Begutachtung der Hütte: das wird ein mäßig schöner Aufenthalt. Ein Laub- und Astberg lässt auf Mäuse und anderes Getier vermuten, die spitze Decke innen leuchte ich gar nicht erst aus. Es beginnt zu schütten, der erste von vier Regen mit Blitzen und Donner, die in den nächsten drei Stunden vorüberziehen, kommt heran. Der trockene Weg wird schlammig, das Dach vibriert bei näheren Einschlägen, manchmal ist der Donner ganz dicht und noch nicht gestreut. Aber es ist schön. Den Aussichtspunkt in der Nähe besuche ich in den Regenpausen und fotografiere und betrachte das Land, die Blitze, die Regenfahnen, höre den steten Donnergrummel. Die Matte und alles ausgepackt und in greifbarer Reichweite gelagert schlafe ich ein. Nur unterbrochen von jedem Umdrehen, ein paar Mäusen im Disput, und fast absonderlich schreienden Nachtvögeln wird die Nacht schön. Wichtigste Erkenntnis des Tages: ich bin einfach weiter gegangen, und es ist wieder schön geworden.


 

Mit gespentisch gut erholten Füssen erwache ich am nächsten Morgen und stelle fest, dass ich keine Laufbeschwerden habe. In Cosweda ruft ein Mann seiner Frau laut zu: du mit deinen komischen Fragen. Infoschilder am Radweg informieren über die Umgebung, Tiere und Wanderwege, und sind so alt, dass die Wege verblichen und die Tierbilder auf den Kunststoffschildern einfach nicht mehr da sind. Die Sonne geht zwischenzeitlich ganz malerisch auf. Ein Landwirt ruft aus der Ferne schon zu: „Ah! Der Wandersmann!“ Was ich alles mache, muss ich berichten, und neugierig werde ich ausgefragt. Und die Frau? Gerade nicht da. Na dann kann man sich dem mal widmen, dem Rumkommen. Insekten wabern im frühen Sonnenlicht, steigen auf und lassen sich fallen, hinauf und hinunter. Die Dimensionen sind wieder anders, schnell sind die Schritte auf dem Weg, und als Zeitz nur noch 12 Kilometer weg ist, denke ich, was für ein Katzensprung. Füchse jagen auf einem Stoppelacker Mäuse und flüchten beim Näherkommen. An einem als Johannismühle beschilderten Gebäude, das vom Weg so aussieht, als ob schon lange niemand mehr dort gewesen wäre, haben die Regenfälle der letzten Nacht einen kopfgroßen Stein aus der Mauer gelöst, der moosüberwuchert auf dem Weg liegt. Endlich Zeitz: die gehypte Moritzburg, und ansonsten: eine geschichtsträchtige Stadt, die durch die Existenz der in manchen Straßenzügen vorkommenden verlassenen und verfallenden Häuser eine derartige Vergangenheit aktuell lebt, dass es wieder schön ist. Man sieht nicht die 20prozentige Arbeitslosenquote, vermutet sie höchstens und erfährt sie im Gespräch, wie mit dem Anwohner bei der alten abgerissenen Brauerei, oder der Frau in der Tourist-Information. Welche Betriebe es früher gegeben habe, die nun bis auf einen alle weg seien. Die Kinoplakate der Kinos wirken wie Hohn, wenn man die ganzen Häuser sieht. Manchmal steht jedes zweite leer, mindestens jedes vierte. Die Aufschriften scheinen noch aus den 40er bis 70er Jahren zu sein. Noch in der Tourist-Info, nach dem Auffüllen der Wasserflaschen, höre ich vom unterirdischen Zeitz und beschließe es anzusehen. Eine kurze Zigarettenpause vor der Tür – an die Raucher müsse man auch denken, sagt die Führerin – und dann Regenjacke an und Helm auf, ganz schnell gehts. Einige Kinder schauen aufgeregt, und zu siebent gehen wir ein Stück durch Zeitz. Ampel müsse man selber spielen, sonst gibt es kein Vorankommen, meint die Führerin, und sperrt die Straße für uns. Vor der Michaeliskirche der Gedenkstein an den Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich in der DDR-Zeit, eigentlich 2 Monate vor meiner eigenen Geburt, selbst verbrannte. Dann steigen wir die Stufen in einen alten Bau- und Lagerkeller hinab. Erste Infos, ein paar Kinderschreckszenarien, dann geht es unter Zeitz entlang, schon ohne Orientierung nach den ersten Metern. Sammelsurien aus diversen Fundstücken, weil die Keller alle in Eigenregie und jahrelanger Arbeit freigeräumt wurden, und teilweise Jahrhunderte lang als Müllgruben dienten. Oder als Luftschutzkeller, teilweise ausgebaut durch Gefangene und Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg. Stauend durchstreifen wir die Geschichte von Zeitz und nach dem Aussteigen aus dem Dunkel kaufen die Eltern Andenken für ihre Kleinen. Ich gehe einkaufen und schlendere zu einem Buchladen, neue Karten kaufen für neues Land unter den Füßen. Mehrere Frauen holen bestellte Schulbücherstapel zu horrenten Preisen. Auf einem Platz eine Gruppe Biertrinker, die lautstark ihr Ego positionieren. Die Bierdeckel fliegen an den Mülleimern vorbei. Keiner findet das schlimm, aber wenn es drei Kosovo-Albaner wären, die genau so handeln, wäre das Unding perfekt. Dann noch ein Sparkassen- und Gaststättenstop mit überbackenem Nudelgericht und einem Bier, und Überlegungen, in welche Himmelsrichtung meine Neugier am größten ist. Weiter durch die Stadt Richtung Norden, vor einer gesperrten Brücke abbiegend, die wohl immer noch wegen dem lang zurückliegenden letzten Hochwasser auf Reparatur wartet. An der Mühle nebenan wird immer noch gepumpt, im Mühlgraben kommt das Wasser an Stellen aus den Steinen, wo es eigentlich nicht raus kommen sollte. Bissel gruslig. Stadtauswärts komme ich auf den Elster-Fahrradweg und beschließe nun endgültig, ihm zu folgen in Richtung Leipzig. In Zangenberg ein altes großes Gut am Wegrand, vor einem ansehnlichen Haus ein schöner Spruch auf einer Tafel. „Mein Glück ist, dass ich lebe.“ Später erzählt eine Einheimische, die einem Kind den nahen Baumkronenpfad zeigen will, dass es ein Ökobauer sei, mit Haus und Spruch. Nach dem Krieg und auch nach der Wende sei niemand gekommen, das Gut zurück zu fordern. Der Fürst, so sagte sie, sei schon lange gestürzt gewesen. Später am Tagebau Profen mit Blick auf Fördereinrichtungen und Bagger resümiere ich kauend und schmatzend auf das Diktiergerät, was alles noch geschehen war. In Göbitz hatte ich einen Fahrradstop gesehen, in einem ehemaligen Guts- oder Fabrikgebäude, wie ich feststellte. Im großen Innenhof ein Pferdebetrieb, hinten sitzen welche, die ich nach einem Getränk frage. Vorne im Haus, hier hinten nicht, meinen sie. Aber wenn ich mitarbeite, dann kriege ich was. Wir lachen. Aber eine Mistgabel wollte ich nicht schwingen. Das große Guts-Wohnhaus vorn gehörte jemand anderem, und nur eine Biertischgarnitur und eine offene Haustür zeigten an, dass man reingehen konnte. Staunend stehe ich dann im Flur, alles ist leise, und schaue in zwei Zimmer rein. Hier wurde nur der Dreck zusammengekehrt und das Nötigste gemacht, und entstanden ist ein Kleinod, bei dem man in Geschichte steht und sich gerade deswegen wieder – wie beim Hügelgrab in der Kultur(geschichts!)landschaft – heimelig wohl und extrem geborgen fühlt. Im zweiten Raum eine Frau hinter einem Tresen, abgedeckter Kuchen auf dem Tisch, Zapfhähne und Kaffeemaschinen, Geschirr- und Kühlschränke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus – sagte ich zu ihr. Ja, sie hats gehört, meinte sie lachend. Ich bestelle ein Getränk und frage, ob sie auch rauskomme zum schnacken. Sie machte sich einen Kaffee und dann saßen wir eine halbe Stunde. Sie berichtete, wem was gehört an den Gebäuden, und das der Eigentümer gerade absichtlich alles so erhalten will, wie es vorzufinden ist. Und der Effekt: alle Leute staunen und sagen „Ja, Ja! Lasst das bloß so!“ Das sei erst recht gemütlich. Mittendrin fragte sie plötzlich: Sagen sie mal, was denken sie über die Flüchtlingsproblematik? Und schon stecken wir in der politischen Aktualität, reden über Parolen und Narrative, persönliche Einstellungen und Befürchtungen, und über schwarze Schafe in jeder sozialen Gruppe. Weitere Gäste tauchen auf, und anschließend zeigt sie mir die Zimmer und Einrichtung, und ich darf fotografieren. Dann bleibe ich bei den anderen Gästen stehen und quatsche weiter. Ein Paar, der Mann gerade Kuchen drinnen holen, und die Frau taut auf und teilt mir ihr Sehnen mit. „Wandern? Allein? – Ach, wie schön! Ja, das ist schön!“ Ihr Mann kommt mit Kuchen wieder und wir erzählen noch dies und das aus der Gegend: über den Goldschatz von Profen, die abgebaggerten Orte, die Elsteraue, die Folgelandschaft des Braunkohleabbaus. Er zeigte mir auf der Karte, dass man bei Krimmlitz ganz nah an die Kante des Tagebaus kommt und sich alles anschauen kann. Die Frau aus dem Haus kommt hinzu und hört staunend, dass ich ja gar nicht mit dem Fahrrad da bin. Sie habe sich schon gewundert, wo ich es stehen habe, aber zu Fuß? Na da.

Im Tagebau Profen jedenfalls später, als ich kauend und resümierend an der vom Radmann empfohlenen Kante sitze, ist kein Mensch zu erkennen, nur ein Radlader, der Zeug hin- und herfährt, und bei jedem Rückwärtsfahren unentwegt piept. Einmal taucht ein Auto auf wie ferngesteuert. Dann setzte an dem Abraumbagger ein Motorgeräusch ein, Warnlampen leuchteten auf Stahlgerippen, und dann freute ich mich während des Keksnachtisches wie ein Kind, weil ich das erste Mal in meinem Leben sah, wie sich das riesige Schaufelrad solch eines Baggers in Bewegung setzte. Zweimal ertönte ein Alarm an den Förderbändern und ich dachte, dass man hier nicht schlafen könne, wenn alle Pumsweile dieser Alarm losgeht. Hinten an der teils entfernten Halde muss der Schatz von Profen gefunden worden sein, wie der Radlermann erzählt hatte. Handygoogeln. Dann suche ich weiter im Sortiment meines Essens und fange wieder von vorne bei Brot-Käse-Wurst an. In der Mitte des Tagebaues muss noch eine Kante verlaufen, unter der dann das Flöz liegt, vermute ich. Man kann sie bloß nicht sehen, weil das gleichmäßige Graubraun des Untergrundes und die fehlenden natürlichen Markierungen einfach alles surreal erscheinen lassen. In der Ferne scheint ein Förderband Abraum fallen zu lassen, aber das geschieht so gleichmäßig, dass der Erdstrom wie ein Stillleben in der Luft zu stehen scheint. Vor mir taucht plötzlich ein Bussard am Hang auf, getrieben von der Luft segelt er in fünf Meter Entfernung mit sehr hellem Gefieder vorbei.

Später am Radweg merke ich die Müdigkeit zunehmend, halte noch in einer Gaststätte in Profen. Die Preise hatten schon angezogen, Radwegcharakter? Zunehmende Leipzignähe? Eine Wetterschutzhütte an einem kleinen Bach, eine Pause mit Essen und Überlegungen, was noch kommt am restlichen Abend. Die Sonne schon sehr tief, schaue ich mit Besorgnis, ob das Wasser überhaupt fließt, und ob ich dann von Mücken zerstochen werde, wenn das eher so tümpelig steht. Dann doch weitergehend treffe ich an einer Brücke über der Elster auf einen schön gebauten Turm, dessen nahe Bänke zum Verweilen einladen in der Dämmerung. Nur mit einer dünnen Decke schlafe ich auf meiner Isomatte ein, nachdem noch in der Ferne blitze zucken, und ein paar Jugendliche Schrecken verbreiten. Einen Geocache an dem Holzturm wollte der eine dem anderen zeigen, dann sehen sie mich. Wir grüßen und sie gehen zur Brücke, zünden einen Knaller, der ins Wasser geworfen wird und bombenartig explodiert. Ein zweiter, und ich merke das Holz und den Boden erzittern. Ein dritter auf dem Weg, und ein ungeheurer Schall drängt durch die Luft, verliert sich in dem erschrockenen Lachen des einen, und weht sekundenlang krachend und rollend durch das weite Land. Waldbrandstufe vier, oder? Wenn das mal gut geht. Wenn jetzt die Feuerwehr kommt? Ich bereite mich innerlich auf einen schnellen Abzug unter Explosionen vor, überlege, wo was liegt, und wo was hingesteckt wird in meinem Rucksack. Sie fahren wieder ab mit dem Auto, und in der Ferne zünden weitere Detonationen. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr in der Frühe, und durchgeschlafen, wache ich erstaunt unter meiner dünnen Decke auf. Erholt und relativ frisch schaue ich in einen Sternenhimmel, taste nach der Taschenlampe im Schuh und greife in eine Nacktschnecke. Furchtbar! Im Schlafsack dusel ich wieder weg, bis das Tageslicht mich aufstehen heißt.


 

Es hatte ganz leicht genieselt, als ich früh meine Beine aus dem Schlafsack schälte, und ein Regenbogen stand im Westen, als dann die Sonne aufging. An einem Wildgehege standen die Rehe und Hirsche und sahen mir nach, woanders Kühe. Reiher flogen vom Feld auf und Krähen krächzten in den Bäumen. Dunstig war die Luft und der Hochnebel verzog sich nicht. Ein jeder, meine ich, wäre erfüllt von solch einer Nacht und einem solchen Morgen. Ich zählte ein paar kleine Pech’s auf, die man haben kann, wenn doch sonst alles so perfekt ist: zum Beispiel der Biss einer Bremse durch das T-Shirt, oder ein perplex schauender Radfahrer, der einen überholt, während man gerade irgendwelche geheimen Gedanken auf das Diktiergerät spricht. Oder das Greifen in eine Nacktschnecke wie in der letzten Nacht! An einer Kreuzung von Feldwegen grüße ich die Fahrer von Landwirtschaftsmaschinen und freue mich an dem eingeschliffenen Heben der Hände.

Ich gehe auf Pegau zu, an einem Bio-Landwirtschaftsbetrieb vorbei, mit Kühen und einem Bullen auf der nahen Weide, die noch alle Hörner tragen. Der Radweg ist schmal und direkt an der Elster gelegen, jenseitig liegen Tausende Rundballen Stroh auf einem Feld. Das Ufer ist abgespült und teilweise in den Strom gefallen, ein Biotop für Eisvögel und Bienenfresser – sind die nicht auch im Uferbereich? Muss ich nachlesen. Im Alberthain vor Pegau kommt mir ein Jogger mit Rucksack entgegen. Die Stadt zeigt sich nur leicht morbid, dieses Wort hatte sich in den letzten zwei Tagen geprägt, und es waren nur wenige Häuser verlassen und zeigten Verfall. Eine beeindruckende alte Apotheke am Markt. Keine Leute, nur ein paar Autos. Hinter dem Ort hektarweise Gärtnereiflächen mit Beregnungsanlagen und Dutzenden verschiedenen Kulturen im Anbau. In Weideroda die nächsten spärlichen Begegnungen. Futter wird in einem Hof abgeladen, ein Bauer steht breitbeinig in einem Kartoffelgarten, Gruß, manche führen Hunde aus. Weghüpfende Hasen und huschende Mäuse. Hinter Wiederau, irgendwo bei den Mückenhainer Wiesen, kommt vom Süden nach und nach – die ganzen Tage kam das Wetter von Süden oder Südsüdost! – Regen heran, erst Niesel und dann dichter und dicker fallende Tropfen, die der Wind genau ins Gesicht treibt. Die Luft wirkt warm und gesättigt mit Wasser, nebenan ist ein Kanal. Erst später lese ich, dass es die umgeleitete Weiße Elster ist. Verschiedene Geschichten und Erinnerungen begleiten den schnellen Weg zum Zwenkauer See. Der Rastpunkt beim gefüllten Restloch Zwenkau war das Ziel dieses Abschnittes, und ich stand erst einmal gebannt vor der Seefläche. Sie sei erst dieses Jahr eröffnet worden, informiert eine nahe Tafel, und listet kleinschriftig auf, welche Ge- und Verbote es gibt. Ein nahes Rohr, das aus dem Boden kommt, spuckt in Abständen Wind und Wasser auf Steine und scheint ein Druckabführer aus den unterirdischen Kanälen von und zur Elster zu sein. Auf dem Rastplatz am Radweg hat keiner Lust zu quatschen, es ist eh kaum einer da, und ich höre halt überall zu. Im Imbissstand eine junge Frau, davor ein Mann, der die ganze Zeit von sich berichtet. Er sei Busfahrer, aber eine Busfahrerwampe habe er nicht, weil er ganz viel Sport mache. Früher habe er eine Firma mit vier Angestellten gehabt, und als letztes Jahr der Mindestlohn kam, hat er die Firma aufgegeben und alles verkauft. Und so weiter. Ein anderer Mann mit Hund erscheint und meint, er solle hier nicht rumnölen. Das bezog sich auf die flockende Milch im Kaffee (die auch ich gerade sich setzen ließ). ‚Musst du nur umrühren, dann ist sie weg.‘ Der Busfahrer verteidigte sich, er wolle hier gar nicht nölen: ‚Na das sag ich doch auch, umrühren‘. Und dann vergleichende Arbeitserzählungen. Geschuftet habe er, worauf der Neuhinzugekommene auch erzählt, was er alles schon geschuftet hat – bei der Hitze – hier gerackert und dort gerackert, und immer draußen, immer geschuftet. Und die Ausländer müssen jetzt hier in Zelten schlafen. Darauf der erste wieder: ach ich hab auch geschuftet. Und in einem Bus war letztens die Klimaanlage ausgefallen, er könne ein Lied von singen, was es heisst, bei Hitze zu arbeiten. Er ging, und die anderen setzten sich alle. An meinem Tisch eine Radlertruppe, älter, ohne Ambitionen, das Gespräch aufzunehmen. Na ja, vielleicht lags am Wetter. Weiter gings dann am See, dessen Uferbereich voller Relikte und Müll steckte, irgendwelche alten Wasserpumpanlagen, neue Verbotsschilder, alte verblichene Verbotsschilder, alte geschlossene Schranken, die keinen mehr interessieren. Auf dem Weiterweg fühle ich mich an Rumänien erinnert, wegen den Relikten am See, den häufigen Blick auf Runtergekommenes der letzten Tage, und wegen des nun kontinuierlichen Autolärms entlang der begleiteten Straße – als ob ich ein Transitreisender bin wie damals vor einem Jahr. Einen Blick auf den nahen Freizeitpark lasse ich weg und nehme einen Weg am ehemaligen Elsterstaussee entlang. Langsam zählt nur noch Leipzig in Gedanken. Am Cospudener See bade ich noch und erneuere die Kräuterauflagen. Noch Wochen später werde ich umsonst die anfangs erspürten Blasen suchen, alle waren weg. Der Radweg ist belebt, der Tag noch warm geworden. Durch viele Parks hindurch, an der Flussmeisterei Leipzig und einem Radlerstand vorbei, komme ich in die Innenstadt. Jetzt würde mich wieder jeder für einen Jakobspilger halten, weil der Weg in der Nähe entlangführt. Ich genieße die Innenstadt von Leipzig, freue mich über große Häuser und viele Menschen, Cafés und alternative Ecken, übriggebliebene Relikte und alte DDR-Werbung, und schlängele mich auf einen dann doch lang gewordenen Fußweg bis zum Hauptbahnhof durch. Ende der Strecke. Schokolade im Bahnhofsdiscounter, eine Zigarette vor dem Eingang, ein Zug nach Jena, und irgendwo dort noch eine Bemerkung auf dem Diktiergerät. Ich weiß nicht mehr, welche Geschichte oder Begegnung der Auslöser war, das aufzusprechen, aber irgendwie passt es. „Es tut manchmal gut, sich bewusst zu machen, wie viele Tausende oder gar Millionen Menschen vor einem gelebt haben, alle mit ihren Problemen oder mit ihrem Leben, alle mit ihren unterschiedlichen Biographien, und sich dann bewusst zu machen, wie einzigartig alle unsere einzelnen Ideen in der Welt sind.“ Ja. Und dann einen Teil des Gegenwärtigen auch zu vergessen, und einfach weiterzugehen. Bis bald auf dem Weg, Ihr Leser!