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Orientierende Erkundung in Pößneck.

Das Bild der Kleinstadt, aus der Großstadt gesehen und betrachtet, stimmt nie. Die Gespräche in Bewegung, begonnen 2016 in Jena, sollen auch woanders stattfinden. Für viele Landkreise laufen die Vorbereitungen. Eindrücke einer Vorerkundung in Pößneck. Es gibt viele Vereine und wirkende Menschen.

 

In Pößneck scheint gerade alles geschlossen zu haben. Nur die Straßen haben geöffnet. Am Museum erreiche ich die Leiterin wenigstens noch über eine Freisprechanlage, sie verspricht, sich zwei Stunden später noch Zeit zu nehmen. Ein drängender Ausstellungstermin nahe, die Zeit zur Vorbereitung sei knapp. Die Touristinformation im gleichen Haus hat komplett geschlossen. Überall Autos, die über das allgegenwärtige Pflaster in der Stadt rumpeln und rauschen. In einem Bücherladen zwei Frauen mit Redemöglichkeit. Über Karten und Öffnungszeiten kommen wir ins Gespräch. Und das Zechsteinriff, davon hatte ich gehört? Ja, auch das sei interessant, und es laufen Vorträge dazu. Ich finde zwei Hefte eines hießigen Vereines. Man könne auch gleich ins Archiv im Rathaus, nach dem Verein zur Geschichte fragen. Es ist schon reichlich interessant, und es gibt viele Ecken zum Weiterfragen, nach anderen Buchläden, nach Leuten, nach Neuigkeiten, nach Autoverkehr, und nach einem Ausblick über die Stadt. Auch den gäbe es, bei der alten Molkerei. So heißt das renaturierte oder naturalistische Areal mit Bänken, Aussichtsbalkon, Geländer ein Stück oberhalb irgendwo. Dies zu erlaufen nehme ich mir vor, in den Ohren Musik zum Lärmschutz, am sogenannten Weissen Turm vorbei bergan. Ich finde es nicht, nur noch mehr Autos und Straßen und Pflastersteine. Eine alte Fabrik taucht auf, als ich auf einem Schild irgendwas mit Altenburg oder so lese. Ein Mann beantwortet meine Frage, dass es das ehemalige Karl-Marx-Werk wäre, Papier und Druck und so weiter. Ein beeindruckendes Tor, diverse Blicke an Fassaden und Fenster und nach Braunkohle riechende Eingänge. Im Gang des Werkes das nächste lange Gespräch. Ein fegender Mann denkt, ich schaue wegen des Mülles am Hausrand und lädt mich ein, das Haus anzuschauen, die Wohnungen zu besichtigen. Sie seien just fertig geworden. Das Gerüst sei eben erst weggenommen worden, er räume nun bald alles weg. Sein Freund habe das Haus gekauft, sie haben es saniert, nun räume er auf. Wegen des Kindes sei er vor einigen Jahren nach Pößneck gekommen, als es zwei Jahre alt war. Die Mutter habe es verlassen, das Kind habe ihm leid getan, und da sei er dahin gezogen. Nichts los sei hier, nur Arbeitende und Nichtarbeitende, ein Mittelstand fehle. Mietpreise, Mietbeispiele aus Leipzig, wo er herkomme. Dann ist die Zeit schon wieder um, ich muss ans Museum. Dort eine halbe Stunde Gespräch, Möglichkeiten, Wanderdinge, Gespräch in Bewegung, eine Kurzfassung des Erlebbaren. Was man machen könne? Nun, Kontakte gebe es, Beispiele auch, und es ist schön, nochmal, oder wieder, miteinander zu reden. Sicherstellung der Bekanntschaft.

Ein weiterer Bekannter holt mich ab. Wir tauschen uns aus in der Kälte. Schauen das Freiraum-Projekt in einem alten abgeschriebenen Wohnhaus an. Kohleduft, knarrende Treppen, alte Türen, kein Mensch da, sind auch nur zur Kurzbesichtigung. Partys und Treffs, Tischkicker und Konzerte, Hinterhof und Basketball, einfallende Häuser rechts und links. Davor die Hauptstraße.

Dann zum nächsten Punkt. Wir sind zu früh und laufen ums Objekt, das ‚Fluchtpunkt‘ heisst. Nur von Sozialarbeiterinnen betrieben, zwei Mal pro Woche, halbtags. Beratung, Betreuung, Wäscheverschenken, und anderes mehr. Vom Wandern erzählt – und von dem Andersmachen. Immer neue Wege, über den Horizont, per pedes, und kommunikative Verwirrung.

Weiter zum Essen, in einem Dönerladen, mit freundlicher Bedienung, Fernseher, Wärme. Gespräche über Ortserlebnisse. Wie der Ladenbesitzer mit einem redete, der sich abfällig äußerte. Ein Mann, der reinkommt, sich entschuldigt sich und wieder geht, wird zum nächsten Thema. Dieser habe sich letztlich so auffällig und ausfällig aufgeführt, dass die Kinder im Geschäft zum Hinterausgang rausgelotst wurden. Ich schaue aus dem Fenster, ob nicht draußen schon die nächsten brachialen Erlebnisse sich zum Hereinkommen fertigmachen. Der Fernseher hämmert sein Programm, und wir sitzen und reden. Am Abend eine nächste Runde aus vielen Vereinen, mit mehreren Leuten. Sitzen und Reden über Erfahrungen bei Migranten und Einheimischen. Über Möglichkeiten, Erfahrungen, Probleme und Perspektiven. Eine Stunde, anderthalb Stunden, dann zum Zug. Ein Dutzend neue Gesichter brachte der Tag, viele Gespräche. Vorbereitungen zur nächsten Reise eben. Hundert Gespräche. Wer kommt mit und wer käme mit. Wer ist begeistert und wer schaut betreten weg, wenns ums Wandern geht. Der Schaffner trägt ein Bier in der Jackentasche in sein Abteil. Heimfahrt. Mal sehen, wie es morgen ist. Bis bald auf dem Weg.

 

Titelbild: Lars Polten