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Pferde, Steinbrüche und Militärreste. Atemlos staunend diesmal in anhaltinischer Landschaft.

 

Die Kulturlandschaft der Hochfläche Rödel zwischen Freyburg und Naumburg. Vielfältige Überreste des ehemaligen russischen Übungsplatzes mischen sich mit denen des großflächigen Kalkabbaues in mehreren Tagebauen und den Freilandhaltung-Nutzungskonzepten der heutigen Jahre. Pferde grasen in lichter Weite, meist geht Wind, ausgelaugtes Totholz liegt silbern bei Sonne. Eine Safari-Gras-Savanne liegt vor einem, mehrere Dutzend Hektar groß, mit wenig Bäumen, verbuscht, erdig, und voller Überreste.

 

Zu empfehlen ist der Rödel für alle. Man kommt von Freyburg (Unstrut) schnell auf die Hochfläche. Familien können ihren Kindern die Pferde zeigen, Geschichtsvernarrte schauen sich Bunker, Stellungen, Steinbruch, und Kalkbahnüberreste an, Archäologieinteressierte sehen Bodenfunde en masse, es gibt viele alte Bodendenkmäler, aufgegebene Weinberge, eine interessante Flora für Pflanzeninteressierte und vieles andere mehr.

Auf dem Weg kritzelte ich auf einem Zettel ein paar Worte zur Erinnerung: „Zaun + Abspannung, kurz vor Weinberg links, links oberhalb Aussicht“. Das war in dem Hohlweg gewesen, als ich an dem verlassenen Grundstück vorbei Richtung Rödel-Hochfläche gelaufen bin. Von Kleinjena aus war diesmal diese Bergseite dran, es ist die dritte Exkursion in die Gegend. Es muss auch hier auf der Seite in den Wäldern überall allerhand zu sehen sein. Die ehemalige Nutzung als Übungsplatz der russischen Armee, die zahlreichen kleinen und großen Steinbrüche, die Nähe zu Weinanbaugebieten und letztlich auch die anliegenden Dörfer, all dies macht es zur Sicherheit, dass man allenthalben auf Hinterlassenschaften stößt. Neben anderen alten Hohlwegen in den kleinen und großen Taleinschnitten am Berg waren es auch hier Schuttplätze, verschiedene Waldnutzungsformen, Überreste alter Wege in den Wäldern, kleine Haufen von Altglas, alte eingestürzte Ansitze mit diversen Überresten der ehemaligen Interieurs. Die Oberflächenfunde bis ins Alter von durchschnittlich 10 Jahren gut erkennbar, dann meist verwachsener und mit Laub unkenntlich abgedeckt. Also wie immer alles. Und anhand der kleinen und großen Hügelchen, der langen oder kurzen Gräben entdeckt man so seine menschelnde Umgebung.

„Suhle rechts, Kreuzung erster Baum“ – steht auf dem Zettel, und damit ist der erste mit Namen gekennzeichnete Baum gemeint. Meist sieht man ein paar unleserliche kyrillische Buchstaben, wohl unbekannte Orte der Heimat samt Jahreszahl der Anwesenheit auf dem Rödel. Abseits des Weges geht es nun langsam durch die lichteren Waldteile. Die glatten Buchen sind nun durchweg alle beschriftet, an einem eine Ausnahme in Form dreier Namen, wohl Familien- oder Vatersnamen, mit abgekürzten Vornamen. Die Jahreszahlen liegen zwischen den 60ern bis in die 90er, meist einen Zeitraum von zwei Jahren mit Bindestrich verbindend, und das Jahr mit einem kyrillischen „g“ und einem Punkt, wie „Jahr“ auf russisch beginnt, abkürzend. Zwischen dem Laub liegen Dosenüberreste aus sich gut erhalten habenden Aluminium, beschriftet mit USSR. Verrostete Metalldosen, Trossen in Bäumen hängend, Stahlrahmen an Bäumen lehnend, Plastegeschirr der 80er im Bodenlaub, Betonschwellen mit Verankerungen für Gleise, und anderes mehr. Schlag auf Schlag ist alles mit Überresten übersät. An Bäumen werden alte Abfallhalden sichtbar. Und jetzt wird es eigentlich wissenschaftlich, neuzeitliche Archäologie. Die meist übersehenen menschlichen Abfallhaufen sehen nach den Jahrzehnten unterschiedlich aus: Meist sieht man an der ebenen Oberfläche des Bodens nur ein paar Gegenstände, manchmal einen Hügel, aus dem unkenntlich verrostete Metallteile, Einzelteile von Bechern, oder unbekannte Metallhülsen und -leisten, Reifen und Reifenreste, Plaste- und Kleidungsüberreste, oder Schuhreste herausragen. Manche ehemaligen Haufen sind in der Fläche verteilt, andere sind zusammengeblieben, wieder andere sind verfüllte Dellen oder Mulden. Sei es wie auch immer, das Ausbringen von Abfall in die Natur gehörte bis in die 90er Jahre zur Mode, und alle Wälder, die intensiv von Militär und Bevölkerung genutzt worden, z. Bsp. am Rand von Kleingartenanlagen, sind voll davon. So auch hier. Die Haufen selbst bestehen häufig aus Bauschutt aller Art, sowohl vermeintlich harmlos, als auch mit Asbest oder Teer vermischt. Selten aber sind die Bauschutthaufen müllfrei, und häufig – jedenfalls den Bodenfunden nach – dienten Orte der Bauschuttabfuhr auch als Plätze, auf die man den Müll warf oder verbrachte.

Wischt man die oberflächlichen Krumen und Blätter beiseite – was ich aber unterließ – ist immer noch kein Abfall ersichtlich, da die Einzelteile mitterweile vom Wurzeln und Humus umgeben, aber nicht verrottet sind. Erde und Blätter sind blickdicht. Man denkt, man sieht Natur. An sich ist das ja auch so, aber unter bestimmten Blickwinkeln eben nicht. Im weiteren Wegwischen der einzelnen Zentimeter kommt alles wieder ans Tageslicht. Neuzeitliche Archäologie eben. Selbst beim oberflächlichen Ankratzen solcher Haufen meint man, es mehr mit Erde als mit Abfall zu tun zu haben, aber dies zeigt nur die allmähliche Zersetzung, das Rosten und den Zerfall in unkenntliche Größenbestandteile an.

So also das typische Rödel-Bild und die zerfurchte Waldlandschaft um den Bunker und die (vermutlich) Garagenüberreste im Waldstück bei der sogenannten Flur der großen Probstei. Ansonsten viel Natur, grandiose Bäume, vielfältige Bäume, lichtes und dichtes Unterholz, Nadel- und Laubgehölze, streifenweise und ausgebliebene Aufforstung; dazu Spinnen und Zecken im Sommer. Soweit der Wald, treten wir hinaus.

Die Pferde grasen in der lichten Weite, Sonne brennt, das ausgelaugte Totholz liegt silbern, die Disteln wirken bläulich-grün. Eine Safari-Gras-Savanne liegt vor einem, mehrere Dutzend Hektar groß, mit wenig Bäumen, verbuscht, erdig, und voller Überreste. Ein großartiges Gefühl, durch hunderte Meter Steinbrüche zu wandeln, oder sich wie auf einer Expedition in unbekannte Gegenden zu fühlen. Und: auch kurze Draht- und Leitungsreste, Metallklammern, Reifen, Karosseriereste, um nur einiges augenfälliges Sukzessives zu nennen. Manchmal, wie auch im Wald, Haufen von Bahnschwellen, nicht nur von den Tagebauen, sondern auch von den Verladeübungen der Armee. Das Gelände zerfurcht, und atemlos staunend nimmt es einen in den Griff, zerfahren vor Jahrzehnten, verdichtet und zerpflügt von Panzerketten und schweren Gefährten, aufgegraben von Baggern und Menschenschaufeln, mit tiefen Gräben und steilen Böschungen überliefert, mal gerade, meist kurvig und unnachvollziehbar. Nur wenig Anhaltspunkte, außer die immer noch erkennbaren Haupttrassen, und Wallformationen ähnlich den temporären und dauerhaften Stellungen der Fla-Raketentruppen, wie sie von anderen Standorten am Kalmberg, Seeberg, oder am westlichen Ettersberg bekannt sind.

Zwei Biologen stehen und kartieren und markieren Heuschrecken einer speziellen Art, die nur auf den sonnenheißen Kalksteinen vorkommt. Wir erzählen uns eine halbe Stunde das Wichtigste, was es hier oben zu erzählen gibt. Mehrere Tage im Jahr markieren sie je hundert der Tiere, und erkennen anhand des Wiedertreffens oder der Neumarkierung der Tiere die Populationsgröße. Sie berichten noch mehr zur Geschichte, cremen sich ein, säubern die Kescher, und ich merke mir noch Martina Köhler, Georg Hiller und Sabine Tischef als Autoren zum Rödel, und weiter gehts. Viel mehr Begegnungen gab es nicht, nur ein redefreudiger Fahrradfahrer eines Nachbarortes erzählte aus der industriellen Zeit des Rödel: von der Kalkbahn am Berghang zu Freyburg herunter, von der Verbrennung und dem Löschen des Kalkes in der Stadt. Er wollte von Jena wissen, wie es ist, und erwähnte ihm bekannte Orte. Er bestätigte noch, dass es auch auf dem Rödel irgendwann in der Vorwendezeit eine große Explosion gegeben haben muss. In Freyburg seien viele Scheiben zu Bruch gegangen, eine Untersuchung gab es nicht, dieser Art Militärisches wurde nicht besprochen. Auch bei ihm funktionierte der Abfallwahrnehmungstest: zwar wusste er über die teilweisen Überreste der Kalkbahn am Weg, also die geschliffenen Steine, die Überreste der Metallbefestigung im Boden, die Ketten, Schienen usw., aber nicht von den Resten der Waggons abseits des Weges, die bis zu zehn Meter entfernt daneben liegen.

Also wieder sehr interessant, und alles dabei. Alles Menschenmögliche tat sich da oben, vieles liegt noch für das geübte Auge erkennbar herum, und wir sehen uns dort oben wieder. Bis bald auf dem Weg.