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Über das Natürlichkeits- und Raumempfinden.

Das unterschiedliche Erleben und Wirken von Räumen um einen herum ist ein wesentlicher Faktor der Empfindung des Gegensatzes zwischen Natur und Kultur. Und trägt dazu bei, dass man Natur als etwas Gutes wahrnimmt.

 

 

In der Natur wirkt manches anders. Bedrückendes kann in eine angenehme Ferne rücken, Menschen sind oft sozialer und freundlicher zueinander. In der Natur kann man ziellos umhergehen, zu Hause weniger. Eine erstiegene Aussicht hat oft einen höheren Wert als der Blick von der Fensterbank aus, und ein Wind im Gesicht scheint oft eine Frische in das eigene Denken zu bringen. Man kann so auch dem unvermeidlichen Vorwärtskommen nicht entgehen.

Dennoch richtet man sich sein Zuhause nicht wie einem Wald ein. Man macht Rindenoptik auf das Laminat und die Arbeitsplatte, aber keine Erde auf den Boden. Wir adaptieren gern positive Effekte der Natur, wenn dies möglich ist.

Machen Sie einen Vergleich. Schauen Sie sich einmal ihren Arbeitsplatz an, oder die Stelle in der Küche, wo Sie Essen zubereiten. Sehen Sie auf die Arbeitsflächen, auf die Dinge der Umgebung, die sie in die Hand nehmen können, und auf die Wände, die diesen Ort umgeben. Sie sehen meist: Rauhfaser oder Rauhputz, Messer und Bretter, Tastatur und Papier, und der Untergrund meist aus Kunststoffoberflächen mit Naturmustern. Die Oberflächen sollen so vielfältiger werden, Abwechslung bieten, bekannte Muster des Natürlichen als Natürliches anbieten. Alle vorhandenen Gegenstände im Alltagsraum haben eine Funktion und sind in der Verwendung spezifisch. Tasten von Tastaturen sind schmucklos und zeigen nur den Buchstaben, den sie hervorbringen. Monitore bieten nur spezifische Information, Licht ist oft einfarbig und wenigen Quellen entstammend, ein Stuhl ist eigentlich nur zum Sitzen, ein Tisch eine Arbeitsfläche, auf dem Boden spielen allenfalls Kinder und Tiere. Alles ist seiner Funktion angepasst, ergonomisch und zweckangepasst. Was man mit den Dingen eines Zimmers tun kann, ist vorgegeben, begrenzt, und hat meist eine oder zwei Funktionen und Auswirkungen. Draußen ist das anders.

Verlassen sie nun an ihren Wohn- oder Arbeitsbereich, und gehen Sie in einen Naturraum. Wo sie ihn finden? Klassischerweise in Wald und Wiese, entfernt von Orten, abseits der Bebauung. Am besten, es sind viele Bäume und Pflanzen zu sehen, der Weg unbefestigt, oder sehr alt, und die Umgebung arm an neuen Bauten und Gartenanlagen. Die Vielfältigkeit solch eines natürlichen Raumes ist potenziert höher als die einer geschaffenen Umgebung unserer alltäglichen Arbeits- und Wohnplätze. Es gibt mehr vorhandene Elemente und noch mehr mögliche Beziehungen, in die diese gebracht werden können. Es sind tausende Äste, Blätter, Sträucher und Bäume, Schattierungen, Farben, die in mehreren Metern um uns herum stehen. Kein einzelnes Teil gleicht einem anderen, und keines hat einen menschlichen Daseinsgrund. Zweck und Funktion, Auswirkung und Handlungsmöglichkeit eines Gegenstandes des Wohnraumes gibt es hier nicht. Gehen Sie ins Detail und schauen Sie Rinde oder Blätter aus der Nähe an. Sie sind feingliedrig, kleinteilig und grazil vom Nahen, und werden zum Ganzen und zu anderen Formen aus der Ferne betrachtet. Oberflächlich ein Rasen, wird aus der nahen Betrachtung einer Wiese aus Gräsern ein Urwald mit hunderten Tieren und Insekten, mit feinsten Härchen und Verzweigungen, immer feiner werdend, je genauer man hinsieht. Die flache Erde wird zur zerfurchten Landschaft mit Kratern und Canyons. Rinden sind höhlendurchzogene Gebirge. Und die Gras- und Strauchschicht, als auch der ganze Verrottungshorizont sind unendlich verzweigte Urwälder und ganz eigene Lebenszonen. Nebenbei: man versteht besser, warum eine einzige Birke in einer Monokultur von Nadelbäumen hunderte Arten neuer Lebewesen in eben diese Monokultur hineinbringt. In den Naturraum kommen noch geologische Ausformungen im Umkreis mehrerer hundert Meter und einiger Kilometer, und dazu Unterteilungen durch verschiedene Horizonte. Ein Effekt ist, dass man verschieden große und unterschiedlich wirkende Räume wahrnehmen kann, mit einer sehr hohen Zahl an fokussierbaren Eindrücken und Perspektiven. Und je länger man geht und schaut, um so mehr werden es.

Die meisten Elemente eines Naturraumes bestehen also nicht in einem Tätigkeits- und Zweckzusammenhang mit dem Menschen – wogegen alle Elemente seines Wohnraumes solchermaßen gebunden sind. Daher wird Natur auch als so gegensätzlich zu Alltag und Kultur gesehen: in ihr ist zunächst nichts zweckgebunden. Daher findet man ständig neue Räume. Und man fühlt sich frei und kann einfach mal weg sein. Ein Naturraum bietet eine viel höhere Auswahl an frei wählbaren Bindungsmöglichkeiten und Beziehungen der Objekte untereinander und zum Betrachter, daher sind Naturräume wertvolle Psychotope. Über Internalisierungs- und Externalisierungsvorgänge wie projektive Identifizierung und Realexternalisierung ist es möglich, dass der Mensch sein Innenleben an der Bewertung seiner Umwelt abliest. Emotionen und Bedürfnisse sind an allen Umgebungen ablesbar und erfahrbar.

 

Foto: Lars Polten