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Zärtlich entrückt kochten wir den letzten Kaffee. Zum LandARTwandern im Gollichsgraben.

Im Dunkelwerden und heimgehen floskelten wir. Noch berauscht vom Geschaffenen und den Naturbildern. Den vielen Erwachsenen und Kindern. Wie es alles gepasst hat, als alle sich trafen, die meisten waren auch mit kleinen Kindern sehr pünktlich. Wie es dieses unbeschreiblich schöne Tal unterhalb Münchenrodas aufwärts ging! Boah, eine grüne Hölle der Lust und Lebensfreude, und gemeinsam und mit vielen Kindern draußen zu sein! Wie wir oben die Planen spannten, und vorher waren noch mehr eingetroffen, immer mehr Menschen, und wie wir das Essen ausbreiteten, und den Kocher anwarfen, und sich auf zwei Quadtratmetern das höchstwertigste Essen stapelte! Und nach dem Schmaus sich manche betteten, die meisten immer und ohne Unterlaß redeten, und andere LandART machten.


 

Person A: Teilnehmer

Person B: Spaziergangswissenschaftler

Bilder: ganz runter scrollen, unter dem Transkript…


 

 

Das Treffen zu organisieren hatte Spaß gemacht, auch wenn man viel am Telefon klebt, aber es lohnt sich. Punktgenau am Ende der selbstgesetzten Frist trafen wir am Abzweig Münchenroda ein, vom Waldweg des Forstes her kraxelte eine Familie durch den Wald auf uns zu, erste Autos hielten ein paar Minuten später, und nach diesen ganzen Hinwegen gab es eine erste Rast. Es war nun trocken in den Stunden vor dem Mittag, trotz Regenansage die Tage vorher, und einem ersten Nieselguss in den frühen Stunden beim Hellwerden. Mehr Autos, ein paar etwas Verspätete, auch ein Zwillingskinderwagen, und ich muss rechnen, wir waren dann 15 Erwachsene und elf Kinder, und machten uns auf zum Tresor. „Tresor?“ Ja, ein kurzer Weg in die mossüberwucherte Fast-Schlucht hinein, und dann standen wir dort und schauten, was uns schon letztes Jahr überrascht hatte, als dann auch die Kripo hinzugezogen wurde: ein Kubikmeter großer Würfel aus weissem abgeblätterten und angerosteten Stahl mit Dreizackgriff und abgebrochenen Coderädern. Das Loch im Boden war diesmal erweitert worden, jemand schien sich irgendwann darum bemüht zu haben, mehr ins Innere kommen zu können. Na da standen wir dann, verliefen uns in Geschichten und ins Grüne. Das Moos hängt meterhoch in den Bäumen, bildet skurile Bärte. Ausspülungen der letzten Jahrzehnte habe ausgewaschene Pfannen geschaffen, an denen man klettern muss, oder meterhohe kehlartige Wände gebildet, in deren kleinen Höhlen sogar Vögel Nester bauen – natürlich aus Moos. „Ein grüner Orgasmus“, ruft jemand. „Da komme ich gleich nochmal“ kommt die prompte Antwort. Bäume und Äste queren den Weg, und kletternd und tastend bahnt man sich den Weg talaufwärts. Wir lachen und staunen unentwegt.

Ja, es ist erstaunlich. [lächelt; dann ernst:] Bewegt man sich im naturhaften Raum ungeradlinig, unregelmäßig, unterbricht das Gehen im fast notgedrungenen Staunen und ständigem Reden – das automatisch einsetzt – hat mehrere Altersgruppen dabei, dann ist es während des Gehvorgangs und im Betrachten und Durchfühlen der abgeschlossenen Geh- und Erlebenssequenz ein qualitativ höher bewerteter Aufenthalt als andere, geradlinigere Aufenthalte. Der Eindruck von überwiegender Natürlichkeit entsteht durch die Abwechslung und Unfokussiertheit aller Elemente der Umgebung (Äste, Wegbeschaffenheit, Bewuchs in der einsehbaren Umgebung) innerhalb einer bestimmten Zeitspanne. Und es ist sinnvoll, immer unbekannte Wege zu gehen oder vom Weg abzugehen, im engeren und im weitesten Sinne.

Gestern reichte schon eine halbe Stunde, dass wir uns draußen fühlten, weg vom Gewohnten und Alltag. Wir mussten uns helfen, manche Schwellen zu überwinden, die Kinder und den kleinen Hund teilweise hochhieven. Wir mussten uns überwinden später, als es schien, dass es sich doch sehr hinzog. Fragen nach dem Essen, „Wann essen wir endlich?“, kamen vermehrt auf, die Gruppe zog sich in die Länge, die Kinder kletterten ohne Unterlaß Hänge hinauf und stöberten alles ab, einige morsche Äste wurden bearbeitet oder mit großen Augen beim Wegkrachen beobachtet. Die Erwachsenen redeten ohne Unterlaß! Kippchen wurden gedreht, schon ein paar kleine Ostersachen vertilgt, manchmal die Teekanne aufgeschraubt im Innehalten. Und dann, dann waren wir irgendwann oben, und traten ins Freie.

Ja, es ist – eben – erstaunlich. [lächelt] Bewegt man sich im naturnahen Raum und verspürt Hunger, möchte endlich ankommen, hat langsam genug erstmal vom Vorwärtsgehen, dann führen gerade diese Faktoren zu einem erhöhten Glücksgefühl am Ende des Draußenseins. Durch das Erleben von tatsächlichen oder nahenden Grenzen im Körpergefühl und ihrer Akzeptanz, und dem letztlichen Auflösen durch Ankommen, Verweilen, Essen und Trinken und weiterer unvorhersehbarer Abwechslung im Weg (siehe oben), wird das Gesamterlebnis als positivere Sequenz beurteilt und erlebt. Das Ergebnis solchen Draußenseins ist ein gefühlt glücklicheres als das völlig ohne Hunger- und Dursterlebnis.

Auf den Wiesen trafen zeitgleich weitere Leute ein, von links ein Kinderwagen, sie konnten nicht durch das Tal hindurch, von rechts noch weitere mit Hund, der aus Altersgründen per Auto transportiert werden musste. Ein Sternmarsch auf unser Ziel zu! Herrlich! Hundert Meter weiter, und ausgepackt. „Eigentlich hatten wir mit dem Wetter Glück gehabt“, sagte ich später beim Abschlussredenheimweg, darauf hatte Kai gelacht, dann wir beide, fast klatschnass wirklich schon. Aber wirklich! Schaut doch einmal, die, die mitwaren: Es hatte früh vor dem Losgehen genieselt, und nachher bis ins Bachtal aufwärts war es trocken, relativ. Oben spannten wir Planen und es tröpfelte gerade so viel, dass man das ausgebreitete Essen kritisch beobachtete und nach einiger Zeit urteilte: Nein, wird nicht naß… Aber im Mund sammelt sich das Wasser! Mitterweile habe ich vergessen, was alles dort stand. Einige erzählten, dass sie schmunzeln mussten in der Ankündigung, Essen ‚in überdurchschnittlicher Qualität‘ mitzubringen, aber: das ist die Wahrheit! Man muss!

Ja, man sollte es machen. [Geste des Nachdrucks] Vergleicht man Vorgänge des Draußenseins, schneiden qualitativ jene mit herausragenden Elementen besser ab. Herausragend kann vieles heissen, mitunter Wander-Essen, welches man mit Kindheit assoziiert: Stullen, Schnitzel. Herausragend kann aber auch ungewöhnliches Essen sein, oder Essen in Dutzenderlei verschiedenen Arten. Auch kann schon ein Tischtuch im Naturraum den gefühlten Wert des ja grundweg durchkulturisierten Vorgangs der gemeinsamen Essenseinnahme – aber draußen am Boden sitzend – so erhöhen, das alle Äußerungen von Glücksgefühlen, denen der Mensch fähig ist, hörbar werden. Dazu kommt beispielsweise auch der Eindruck, dass man selbst ein hochwertiges Essen bereit gestellt hat, plus der gleiche Eindruck über die anderen Essen, plus das Gefühl, das Essen ohne Gegenleistung zur Verfügung zu stellen, die Brechung von Naturraum und Esskultur – all dies und noch mehr sorgt für ein sich wechselseitig stetig erhöhendes und langfristig bleibendes erhöhtes Glücksgefühl.

Und da trat dann auch irgendwie wieder ein Aussetzer ein, ich weiß einfach nicht mehr, was geredet wurde, sah überall nur glückliche Gesichter mit den eigenen ersten Bissen im Mund. Alle hatten zu tun, reden reden reden, essen essen trinken, basteln, schnitzen, Hunde streicheln, was weiß ich was noch. Das Zeitgefühl war weg.

Ja, das ist dann so, brauche ich nicht zu erläutern.

Und irgendwann gingen einige zu Kai-Uwe Krauss, der schon angefangen hatte, ein Objekt zu schaffen. Wir schauten zu, überlegten, was wir machen könnten, und dann gings los, ein steinernes Ei zu bauen. Es ist ja Ostern! (…und wir hatten es bei Andy Goldsworthy gesehen) Zu Viert, beim zweiten Versuch, nach über einer Stunde, war es fertig. Mit Steinesammeln und hangaufwärts werfen, mit Pausen und überlegen, wie man es machen kann: wohl erst eine Grundplatte, schmal, dann ein paar Platten, die auskragten, gleichmäßig. Und dann strahlenförmig die nächsten Schichten außen, und gleichmäßig die Mitte auffüllend, und unterhalb kleine Steine einfügen. Wer weiß, wie lange es hält, wer weiß, wann einer mal zu doll dagegenhaut, in der Erprobung, aber es war toll. Die Zeit war vergessen, das Wetter nebensächlich, alle hatten zu tun, schauten herum, oder fotografierten, oder chillten unter den Zeltplanen am Rand.

Ja, und dann brachen die ersten wieder auf, und immer mehr, packten die Sachen in die Beutel und Taschen, in den Kinderwagen. Eine halbstündige Verabschiedungsphase setzte ein, mit vielen Wünschen und Dankeschöns, und mir war warm und glücklich und auch ein wenig traurig zumute, weil es schon wieder vorbei war. Zärtlich entrückt kochten wir den letzten Kaffee, aßen die vorletzten Kuchenstücken, schauten immer wieder auf die entstandenen Stücke: ein steinernes Ei, eine Astausfachung mit Brennnesselstängeln des letzten Jahres, zwischen die ein fortlaufendes Grasband geflochten war. Es ist kurios: es zerfällt und wird nicht lange halten, aber allein aus der Uneigennützigkeit des Getanen, aus der erkennbaren Mühe, einfach so etwas Ansehbares und Schönes geschaffen zu haben, zogen wir Freude. Hm, komisch so etwas. Und eben schön. Dann eine Art Holzgerüst, irgendwie unscheinbar von fern, das erst auf dem näheren Blick enthüllte, wie aufwendig es in seiner Stabilität gebaut war, und komplett mit Steinen belegt war. Hat auch was.

Ja, es hat etwas [nachdenklich; Pause] und zwar unter anderem dieses: man ahmt gewissermaßen die Natur nach, indem man mit natürlichen Materialien erkennbare oder assoziierbare Stukturen eines Stoffes – Holz, Erde, Moos, Stein – oder einer natürlich entstandenen Anordnung dieser, oder eben entstehende verobjektivierbare Gedankengänge verschiedenen nachahmt oder nachstellt, verlängert, verdeutlicht. Es ist dann wie mit dem Gang durch den Naturraum: sieht man schöne Anordnungen, bleibt man stehen, fühlt zumindest Wohlergehen oder gar Freude – das Unterbewusstsein entspannt beim Sehen und Fühlen von angenehmen Anordnungen, die eben nicht künstlich geschaffen worden; und jeder Gang in die Natur schenkt einem quasi Hunderte oder Tausende solche Ansichten. Ich möchte gern fett sprechen: LandArt verschweisst die künstlichen Elemente. Wenn man ein LandArt-Stück geschaffen hat, empfindet es man nicht als künstlich! Die Verdeutlichung von Assoziationen und Strukturen bei diesem Draußen-Schaffen ist ein überaus entspannender Prozeß und bereichert das Draußensein. Erkennbare Erfolgsindikatoren im Arbeitsprozeß sind zum Beispiel das Ausbleiben von Gefühlen der Zeitstruktur oder die unangenehmer Temperaturempfindungen.

Und ein Stein-Mandala, das mit den reichlich auf den Bäumen wachsenden Moosbatzen ausgelegt war. Aus allen Entfernungen schauten wir alles an, und verweilten bei den Standpunkten, von wo aus jedes am schönsten wirkte. Und standen und schauten und redeten, während der Kocher aufhörte zu kochen, wir unter Reden austranken, unter Pausen packten und redeten, wieder schauten, und irgendwann die Rucksäcke schulterten. Und zum Schluss noch einmal standen – jetzt gehen mir die Worte aus – und in das Tal dieses schönen Nachmittags zurückblickten. Diese Wellen und Strukturen an den Hängen, der geschlängelte trockene Bach, das verschiedene Grün, die nun verschwundene Sitzwiese, die fehlenden Objekte. Na dann, auf geht’s, den Roman vom Rückweg lasse ich jetzt weg.

So, ein paar mehr Bilder kommen später noch hinterher. Schaut noch einmal rein irgendwann. Wird auch alles wiederholt, nicht en detail,

Das geht auch gar nicht!

– ja, aber im Gefühl 🙂 bis bald auf dem Weg!

Die Bildunterschriften schreiben sie später. Stellen Sie es ins Netz!