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Zapfenstreich auf den Kernbergen!

Oder: Wie man bei LandArt die Grenzen der Wahrnehmung kennenlernt.

Fünftes LandArtWandern mit Kai-Uwe Krauss am 25. März 2017 im Bereich der alten Flak-Stellungen.

 

 

Remarque hinten im Rucksack und fünferlei Essenspakete, Wasser, und eine Kaffeekanne. Vorne schoben die Arme zeitweilig einen Zwillingskinderwagen den schmalen Waldweg aufwärts. Über 20 Leute waren wir am Treffpunkt gewesen, mit Rucksäcken, Kindern, vielem Lachen, Handygegucke, und der obligatorischen Viertelstunde Warten, wer noch komme.

Oben hatten wir Kunst geschaffen: Soldaten in Gräben, mit Gewehren ausgerichtet, und Helmen aus Moos. Teils beängstigend auch, und zwei Jugendliche aus Gambia hätte ich gern ausgeforscht, was sie dazu denken. Dann ein freischwingender Traumfänger, oder eine „GedankenFalle“ vielleicht auch, denn man konnte ewig zusehen und fand immer neue Aspekte. Anordnungen aus Schneckenhäusern und Schuppen von Fichten- oder Kiefernzapfen an anderen Stellen, Steine und Moose, die sich künstlich und natürlich – wer konnte es noch auseinanderhalten manchmal – an den Boden und an Stämme schmiegten. Dann ein Zapfenfluss in einem ehemaligen Verbindungsgraben zwischen den Stellungen. Und aus gesammelten Flaschen der Umgebung Bodenbilder und ein Klangtopf – zwischen drei starken Stecken war verkehrt herum ein alter Topf aus dem Unterholz aufgehängt. In ihm Flaschen an Stricken. Irgendwie eine Lagerfeuer-Essenmachen-Anordnung, nur umgekehrt. An einer anderen Stelle zwischen eng stehenden Stämmen eine halbmeterhohe Mauer aus Zapfen, von wenigen Stöcken gehalten. Dann noch ein Bodenbild aus Moosen, Zapfen und Hölzern. Viele Ideen hatten wir verwirklicht, und man lernte im eigenen Tun, dass das Beschäftigen selbst ein Akt daran ist. Wie sehr die Zapfenschuppen anders aussehen, wenn man minutenlang alle stetig zupft und aneinander ordnet. Und diesen ganzen Zapfen-‚Z‘ hier im Text erst! Gedanken an Drachen- und Tierhäute, und nebenbei das erwachende unermüdliche Bodenleben des Frühfrühlings (ja, doppelt). Je tiefer der Blick geht, desto mehr Details tauchen auf, kleine Gräser schieben sich heraus, Bruchteile von Millimetern gleich, ein Sammelsurium an Millimeterästen bedeckt einen Zentimeter Boden. Nie findet man eine Oberfläche, je tiefer man etwas betrachtet.

Oben, das war in der ehemaligen Flak-Stellung auf den Kernbergen gewesen, mitten zwischen den Splitterböschungen der ehemaligen Geschützstandorte der wahrscheinlich 8,8-cm-Geschütze. Wir hatten das Essen verbreitet, auf große Decken in der Mitte, waren drumherum niedergesunken, laut und lauter waren die Verzückung und das Staunen geworden. Die Fotoapparate klickten, Kaffee gurgelte in Becher, Deckel knackten, ein ungeheurer Verzehr im Sonnenlicht verscheuchte jegliche Zeit. Gras streckte sich entgegen, und Äste beugten sich unseren Wegen, und zwischen Kinderlachen und -fragen vertrudelten die Gespräche und Themen, wurden vom Basteln abgelöst und entstanden in der Wärme des plötzlich sommerlich wirkenden Grüns überall wieder neu. Es war herrlich, entspannt und konzentriert zu werkeln, zwischen den Menschen zu wandeln, hier zu lesen, dort zu knabbern, da zu scherzen, und hier wieder ernst über Gedanken und Gefühle zu sinnieren.

Der Aufstieg dorthin war das erste Tagesziel gewesen. Ohne hätte es nicht gelohnt, wären wir nicht richtig draußen gewesen, hätten wir uns nicht ausgetaktet aus unserem sonstigen Leben. Überwindung und Essen, Spannung und Hunger, Durst und Erlösung, Gehen und Gehenlassen – all das muss sein. Und so packten wir an beim Aufstieg, die Eltern die Kinder, die Fotografen die Apparate, die Freien den Kinderwagen, und alle im Gespräch, viele im Warten auf den Schluss der Gruppe, und noch häufig in der Kälte der spätwinterlichen Kerbtäler am Berg. Auf der Spitze angekommen wie passend ein Fast-Verlaufen in den dutzenden Wegen, bis wir die ersten Freiflächen erreichten.

Es war wieder herrlich, diese LandArtTour, es kommt bald wieder, zu jeder Jahreszeit. Der Remarque war letztlich im Rucksack geblieben, dafür gabs Küsse in warmer Luft und 15 Gerichte auf die Zunge. Über das Staunen wollte ich ein schönes Zitat heraussuchen, aber nichts passte. Vielleicht passen diese Gedanken, die wir das nächste Mal vertiefen werden: Wir können Natur nicht verstehen. Alles, was wir domestizieren, dekontextualisieren wir. Andersherum: alles, was wir verstehen wollen, nehmen wir aus seinem eigentlichen Zusammenhang. Wir versuchen, Natur um uns herum begreifbar zu machen, indem wir uns mit ihr beschäftigen. Dabei passiert unwissentlich, dass wir alles in einen kulturellen, menschlichen Referenzrahmen setzen. Wir erfinden Zusammenhänge, ohne dass es bewusst wird, und ohne dass es welche gibt. Wir bewerten dann unbewertbare, vermeintliche, Zusammenhänge. Erst danach meinen wir, etwas davon erkannt zu haben. Erst nachdem wir die Zapfen genommen und angeordnet haben, sie in den Händen hielten und anders verwendeten, als sie vor Ort vorkamen, haben wir scheinbar verstanden, was sie sind. Alle geschaffenen Anordnungen haben wir in ein repräsentatives Endergebnis gebracht, auf dass man es anschauen und nachdenken kann. Wir lernen also – neben Naturereignissen – eigentlich unser Verständnis von Welt und Kultur, unsere Grenzen der Wahrnehmung. Und wir freuen uns, dass wir nicht nur gegangen sind, nicht nur geredet, gegessen, vielmals geschmaust, viele Male gelacht, andauernd Freude empfunden – sondern dass wir alles mit einem Male erlebt haben.

 

 

Alle Fotographien/Bilder: Polten Wanderwelten, Lars Polten.