Blog

Zur Woche der seelischen Gesundheit 2018 in Jena.

Der Jakobsweg beginnt vor der eigenen Haustür.

 

In der Woche der seelischen Gesundheit im Oktober 2018 sind wir auch wieder, wie jedes Jahr bisher, in die Umgebung Jenas spazieren und wandern gegangen. Wir trafen uns Vormittags im Stadtzentrum, Ziel und Ankunftszeit waren ein paar Stunden später in Jena-Nord. Alle Mitkommenden sollten, so das Vorhaben, über die Vorteile des Wanderns und Spazierens im Naturraum informiert werden. So der Beginn. Das hört sich trocken an, oder? Aber – wie soll ich es beschreiben: wir standen zur Halbzeit auf dem Berg, schauten auf uns und auf Jena, und waren glücklich. Deswegen schreibe ich das Ihnen hier. Die Formel ist einfach: Wandern oder Spazieren erzeugt Glück!

Der jüngste war sieben Jahre, der Älteste wohl 70, viele um die 30 herum. Ein Bild hat sich mir eingebrannt von dem Tag: wir standen im Grünen, im Sonnenschein, im Halbkreis, das Kind spielte im Gras, die Erwachsenen tauschten sich über Erfahrungen aus. Alle waren froh, genau in dem Moment dort zu sein. Zwei Stunden mit Unbekannten unterwegs zu sein. Ein kommunikatives Spiel zeigte uns dann Besonderheiten des Redens im Gehen: in einer Zweiergruppe hörte man je fünf Minuten lang einander aktiv zu, allerdings ohne Gegenfragen zu stellen. Jeder musste also fünf Minuten zuhören und fünf Minuten reden, während man mit Fernsicht durch die Landschaft lief. Solche Übungen zeigen, wie wichtig das Gehörtwerden und Redenkönnen ist, und wie gut dies im Freien wirkt.

Jeder Weg beginnt mit dem Losgehen, jedes Kennenlernen mit Gespräch. Über die Natur und das Wandern zu lesen, ist schön. Man kann sich in grüne Wälder versetzen, in Gedanken Wind und Sonne spüren, und fühlt sich an die schönen Gefühle erinnert. Darin ähneln sich fast alle Menschen. Wenn es darum geht, konkret hinaus zu gehen, ist es anders. Und es stimmt ja auch: der Blick aus dem Fenster ins Grüne kann schon beleben. Schon das Sehen von Naturbildern, so wissenschaftlich nachgewiesen, hat positive Effekte. Auch Bilder im Fernseher. Ich möchte Sie animieren, sich tatsächlich zu bewegen, hinaus zu gehen – selbst ins Gehen zu kommen. Sie finden dort Gelegenheit, die Fragen ihres Lebens loszuwerden!

Der Tag im Oktober war aber auch noch gewürzt mit Geschichten. So ging es um Baumarten, die Geschichte des Hochplateaus ‚Windknollen‘, um persönliche Fragen mancher, um gesellschaftliche Themen. Denn die Kommunikation im Gehen und im Naturraum ist eine andere als die in geschlossenen Räumen. Besonders bedrückende persönliche Themen des eigenen Lebensverlaufes werden durch die wohltuende Wirkung der Natur gedämpft. Man spürt, dass der Mensch anatomisch ein gehendes Lebewesen ist. Man lernt, dass Unangenehmes kommt und vergeht, so wie Berg und Tal, Kälte und Wärme, Sonne und Regen. Begegnung und Trennung, Liebe und Schmerz, alles zeigt einem der eigene Weg. Der passendste Jakobsweg liegt nicht in Spanien, sondern vor der eigenen Haustür.

Gegessen hatten wir bei unserer Tour dann auf dem Schulhof des christlichen Gymnasiums. Bratwürste und Veganes, Obst und Gemüse, Kaffee und Tee, Brause und Wasser – alles da. Wir sprudelten immer noch vor Mitteilungsverlangen und Hörvergnügen und freuten uns des Tages. Sie ahnen es bestimmt schon: das Gute kann erst beginnen, wenn man es tatsächlich tut. Ein jeder Weg entsteht mit Losgehen. Und sonst: 1x sehr gutes Essen, 1x unbekannter Weg (d. h. ein Teil des Weges muss unbekannt sein), 1x Weitergehen bei Sättigung und Müdigkeit, 2 Fragen, 2-3 Stunden. Bis bald auf dem Weg!

 

Titelbild: Lars Polten. Nicht am selben Tag entstanden, da unerkannter Kartenfehler. Sie sehen einen Eindruck einer „Baumtour“ aus dem selben Quartal 2018.